„Il Viaggio, Dante“: Mit glühender Musik durch die Hölle

Eine Reise durch die Kreise der Hölle ins Licht des Paradieses: In verstörend schönen Bildern wie aus einem Film von David Lynch ließ uns dieser Abend zur glühenden Musik von Pascal Dusapin die letzten Minuten im Leben eines Menschen miterleben. Im Juli 2022 feierte „Il Viaggio, Dante“ in der Inszenierung von Claus Guth beim Festival d’Aix-en-Provence seine Uraufführung. Es folgte eine Vorstellungsserie an der Opéra national de Paris. Nun erlebt diese Oper in Hannover in dieser Inszenierung ihre deutsche Erstaufführung.

Die Oper katapultiert uns hinein in eine dunkle, geheimnisvolle Welt, voller Bilder und Assoziationen wie aus dunklen Träumen. Unter der musikalischen Leitung von Roland Kluttig erlebten wir an diesem 18. Oktober 2026 einen großen Abend mit tollem Gesang, toller Choreografie und vom Orchester bezwingend umgesetzter Musik. Selten war zeitgenössische Musik so faszinierend.

Dantes „Göttliche Komödie“ begleitete den Komponisten Pascal Dusapin seit vielen Jahren, immer wieder hat er Teile daraus in seinen Kompositionen aufgegriffen. Aber erst nach 25 Jahren Beschäftigung damit hat er es gewagt, den Stoff in einer Oper umzusetzen. Das Libretto entstand parallel zur Musik im Zusammenarbeit mit dem Librettisten Frédéric Boyer. Es basiert auf den Originalworten Dantes und greift auch Teile aus „Vita nova“ auf, Dantes Dichtung über die Liebe zu Beatrice und ihren Tod. Die Wanderung durch drastisch gezeigte Höllenbilder verwandelt sich in dieser Oper in eine Wanderung durch das Unterbewusste eines Menschen, in eine Schilderung des Weges einer Person durch die eigene Hölle auf der Suche nach dem inneren Frieden. Diese Oper verbindet Musiktheater mit dem Erleben einer tiefen, spirituellen Erfahrung wie in einem Oratorium.

Das Libretto begleitet Dante, geleitet von dem römischen Dichter Virgilio, auf seiner Suche nach der verstorbenen Geliebten Beatrice. Die Reise, begleitet von der Heiligen Lucia, führt durch immer verstörendere Kreise der Hölle hinab ins Dunkel. Auf dieser Reise trifft Dante auf sein jüngeres Ich, immer wieder wird er mit der Stimme der Verdammten konfrontiert. Schließlich schafft er den Weg hinaus über den Berg der Läuterung ins Paradies und findet schließlich die Geliebte wieder. Kommentiert wird dies alles durch einen Erzähler.

Jede Oper von Dusapin hat ihre eigene Klangwelt. Nach der krassen, fast gewalttätigen Musik in „Penthesilea“ ist nun die Musik ein Versuch der Linderung, ein Zulassen von Schönheit. Es sind Klänge wie in einem Traum. In dieser Musik ist die Glasharmonika zentral, dazu kommen Orgel und Glocken. Der Chor ist im Orchestergraben platziert und wird wie ein Orchesterteil behandelt. Das verleiht der Musik eine ganz eigene Farbe, die entfernt an Kirchenmusik erinnert. Gleißende Klangflächen treffen auf kurze Orchesteraufschreie, auf kurze Schlagwerkeinwürfe. Ich musste an Lavafontänen denken, die unvermittelt aus einem dunklen Nebel hervorbrechen, der von innen heraus geheimnisvoll leuchtet. Ganz zart kann das sein, meditativ, aber auch klangmächtig, an Wagner gemahnend. Aber nichts wird hier zitiert, es ist eine ganz eigene, suggestive Klangsprache.

Besonders faszinierend ist die Funktion des Chors, wunderbar einstudiert von Lorenzo Da Rio. Wie der Chor aus der griechischen Komödie kommentiert er aus dem Orchestergraben, meist in ganz archaischen Worten, im Stil uralter Kirchengesänge. Die Orgel und Glockenschläge unterstützen diesen sakralen Eindruck immens.

Regisseur Claus Guth sagte im Vorgespräch zu einem Probenbesuch, es wäre „völliger Selbstmord“, die Bilder aus Dantes Werk auf die Bühne zu bringen. Eine eigene Erzählweise musste gefunden werden. Das Werk muss auch wirken auf Menschen, die nichts von Dates Werk wissen. Claus Guth versieht die Geschichte von Dantes Reise mit einem realistischen Rahmen. Ein Mann, Dante, fährt betrunken Auto, in einem düsteren Wald gibt es einen Unfall. Schwer verletzt schleppt er sich in seine Wohnung, von einer großen, blutenden Wunde gezeichnet wie Amfortas im Parsifal. Wir erleben seine Reise in den Tod mit, ein Film des Lebens läuft ab. Dante begibt sich auf eine Reise ins eigene Unterbewusste, in seine Ängste und Abgründe, in einen Zustand wie in einen Traum. Beatrice ist wie eine fixe Idee, die im Sterben immer wieder auftaucht. Immer wieder wird Dante dabei mit seinem früheren Ich konfrontiert.

Dieser Autounfall ist ein Teil der Inszenierung von Claus Guth, kein ursprünglicher Teil der Oper. Auch die Soundzuspielungen zum Film des Prologs und den Szenenübergängen wurden laut Dramaturgin Anne do Paço für die Inszenierung entworfen und sind nicht Bestandteil der Partitur.

Zur Reise in die Hölle bricht das Zimmer auf, wir kommen in andere Orte, andere Szenarien, in Albträume. Zum Schluss im Paradies kehrt das Zimmer wieder zurück, die Gestalten des Traums sind verschwunden, Dante lässt das Sterben zu. Drei Personen begleiten ihn auf dieser Reise in den Tod: Lucia, die als eine Art Wegweiserin dient, Virgilio, der ihn leitet, Beatrice in leuchtend rotem Kostüm, die ihn ins Paradies ruft. Dazu kommt der Erzähler in seinem glitzernden, weißen Entertaineranzug, der für uns diese Reise kommentiert und der uns durch diese Reise führt. Tänzerinnen und Tänzer stehen für Bilder der Zustände der Menschen in der Hölle. Claus Guth hat eine bewusst stilisierte Bildsprache gewählt, die einen unmittelbar in diesen Albtraum hereinzieht. Wie in einem Film von David Lynch ist alles voller Rätsel, sind alle Personen geheimnisvoll, versteht man als Publikum nicht alles. Aber darauf kommt es nicht an, wir werden durch Bilder und Musik hineingezogen.

Die Autofahrt des Prologs durch den dunklen Wald mit dem Unfall wird auf den Bühnenvorhang projiziert. Diese Videoeinspielungen der Künstlergruppe rocafilm sind fast hypnotisch, dieser Wald ist ein schwarzweißer Albtraum, ein Wald wie aus dem Horrorfilm „Blair Witch Project“. Der Erzähler tritt vor den Vorhang, erweckt die Sprachwelt aus Dantes Erzählung, der Vorhang geht auf, wir sind in einem Zimmer. Der schwer verletzte Dante taumelt herein. In diesem Zustand vor dem Tod erinnert er sich an seine verstorbene Geliebte Beatrice, an die Begegnungen seines jüngeren Ichs mit ihr. Diese Bilder tauchen auf, laufen in diesem Zimmer ab. Die Sehnsucht nach Beatrice wird übermächtig. Die Geliebte lockt ihn, schickt ihm Lucia als Wegweiserin. Virgilio erscheint, nimmt ihn mit auf diese Reise. Das Zimmer weicht, eine Art Warteraum taucht auf, die Vorhölle, gefüllt mit wartenden Gestalten. Es sind starre, graue Gestalten, leer. Aber ab und zu durchzucken sie Erinnerungen, lassen sie ganz kurz aufleben. Ganz eindrücklich macht dies die von Evie Poaros mitbetreute und einstudierte Choreografie erlebbar.

Auch diese Vorhölle weicht, wir kommen in die Kreise der Hölle. Es ist ein großer leerer Raum, begrenzt nach hinten und zu den Seiten durch einen Vorhang in mattem Grün. Auch hier gibt es Gestalten, noch eingefrorener als die Wartenden der Vorhölle. Hier ist alles tot, nur manchmal lebt in ihnen das auf, was sie getan haben. Lebendig sind hier nur der Erzähler und seine Begleiter und eine neue Person, die Stimme der Verdammten, die wie eine verzerrte Kopie von Beatrice erscheint. Sie ist die Stimme der Hölle, sie spricht mit der Sprache der Hölle mit Dante, konfrontiert ihn mit den verdrängten, bösen Seiten seiner Persönlichkeit.

Auf dem Berg der Läuterung erscheint im Hintergrund der Wald des Prologs, nun aber als echtes Bühnenbild. Erreicht Dante das Paradies, so verwandelt sich die Bühne langsam wieder in das Zimmer. Das Tor zu den Abgründen des eigenen Ichs schließt sich. Zu schwebenden, zarten Klängen stirbt Dante und ist (hoffentlich) endlich mit Beatrice vereint.

Das Bühnenbild von Etienne Pluss unterstützt das alles kongenial. Die Vorhölle ist ein von Neonröhren erleuchtetes Wartezimmer mit Stühlen vor einer grauen Wand, ein Wartezimmer der Depression. Die Hölle ist steril und nüchtern, erinnert an ein ödes Foyer, in dem dunkel verhüllte Personen vegetieren. Ein Lichtportal legt sich manchmal gleißend leuchtend um Beatrice. Die Kostüme von Gesine Völlm sind bis auf den Erzähler Alltagskleidung, erinnern an das normale Leben. Fein sind die einzelnen Personen farblich voneinander abgesetzt. Das Licht von Fabrice Kebour gibt allen Bildern die passende geheimnisvolle Stimmung.

Die meist zarte, manchmal fast impressionistische Musik ist beim Niedersächsischen Staatsorchester unter Leitung von Roland Kluttig in den besten Händen. Die Szenen auf der Bühne verwandelten sich so in Seelenräume aus Klang. Ganz sensibel wurden die einzelnen Klänge herausgearbeitet, geisterhaft schön die Glasharmonika. Kein Instrument drängte sich hervor, das war eine perfekte, faszinierende Einheit. Der Chor klang wirklich wie ein Bestandteil des Orchesters, ein Instrument aus Stimmen und aus Klangfarben. So unwirklich habe ich einen Opernchor fast noch nie gehört!

Die Anforderungen der Musik an die Darbietenden auf der Bühne sind enorm. Alle bewältigten das so bravourös, dass es fast mühelos erschien. Dieser Abend kam da einem Optimum schon sehr nahe!

Peter Schöne als Dante steht die ganzen zwei Stunden auf der Bühne. Mit enormer Präsenz gestaltete er seine Rolle. Seine warme Baritonstimme wechselte ganz mühelos zwischen lyrischen Passagen und heftigeren, fast dramatischen Ausbrüchen hin und her. Auch die geforderten Ausflüge in die Falsett-Tonlage gelangen mühelos. Das war ein großartiges Rollenportrait.

Als jungen Dante hörten wir die Mezzosopranistin Christel Loetzsch. Auch die Anforderungen an diese Rolle sind gestalterisch und gesanglich enorm, der zu bewältigende Tonumfang ist sehr groß. Das alles schien kein Problem zu sein, mühelos gelangen die Sopran-Höhen und die Alt-Tiefen, perfekt die Rollengestaltung. Nichts klang forciert, immer war die Stimme klar und präzise, hervorragend.

Die Anforderungen an die Sängerinnen der Lucia und der Beatrice sind ebenfalls enorm. Sie haben zwar nur etwas kleinere Anteile am Geschehen, aber was sie zu singen haben ist sehr anspruchsvoll. Olga Jelínkovás Lucia ließ die geforderten extremen Höhen mit ihren ekstatischen Koloraturen fast mühelos erscheinen. Eine heilige Lucia di Lammermoor der Neuzeit! Auch Ketevan Chuntishvilis Beatrice muss hoch hinaus, aber diese Höhen müssen lyrisch leuchtend gesungen werden, mit Wärme. Wunderbar gelang das. Ein spannender Kontrast, diese Wärme der Beatrice, die Ekstase der Lucia.

Die Rolle der Stimme der Verdammten erfordert eine hervorragende Sängerin, die gleichzeitig eine großartige Schauspielerin ist. Carmen Fuggiss war hier für mich eine Idealbesetzung. Die Stimme wechselte scheinbar mühelos in kürzester Zeit zwischen Sprechgesang, wild ausbrechenden, fast manischen Koloraturen, Chanson-Gesang und wildesten Ausbrüchen des Wahnsinns, der wirklich an eine Stimme aus der Hölle erinnerte. Da konnte ich nur mit offenem Mund staunen.

Norman D. Patzke als Virgilio war der Ruhepol in diesem Ensemble, seine Rolle ist zurückhaltend, mäßigend, steht außerhalb der wilden Seelenwelt. Mit warmer Stimme an der Grenze zwischen Bass und Bariton strahlte er eine Wärme und Sicherheit aus, dass man sich ihm sofort als Reisebegleiter durch ein wildes Land anvertraut hätte.

Herrlich auch Christian Dieterle als Erzähler! Er muss nicht singen, aber er muss erzählen. Er muss dazu alle möglichen Emotionen in die Stimme legen wie zum Beispiel Anteilnahme, heiligen Ernst, Witz, Ironie. Auch das war herausragend.

Dieser Abend zeigte, wie großartig eine zeitgenössische Oper sein kann. Die Musik von Pascal Dusapin und die Inszenierung von Claus Guth zogen zwei Stunden lang in ihren Bann, die musikalischen Leistungen faszinierten und begeisterten. Ich habe keine Scheu vor moderner Oper, aber meist begeistert sie mich nicht sehr. Hier war das anders, das war radikal-emotional, das war voller Geheimnis, das glühte und leuchtete, das ging ins Herz, das war groß!

Text und Foto: Achim Riehn

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