„Pique Dame“: Liebe und Besessenheit auf der Treppe des Lebens

Ein packendes, mitreißendes Psychodrama, das ist diese „Pique Dame“ in der Inszenierung von Roland Schwab an der Staatsoper Hannover. Ein Gefühlsorkan in Stimmen und Musik fegte am 4. Oktober 2026 über uns hinweg, drückte uns in die Sitze. Dazu gab es ein spektakuläres Bühnenbild und opulente Kostüme – und trotzdem lenkte nichts von den Personen ab. Großes Kino, ein großer Wurf!

Pjotr Tschaikowski schrieb diese Oper im Jahr 1890 innerhalb von sieben Wochen in Florenz, wie in einem Rausch. Basis ist eine eher nüchterne, ironische Erzählung von Puschkin. In der Erzählung ist Hermann der Spielsucht verfallen. Eine Liebesgeschichte kommt bei Puschkin nicht vor. Das auf dieser Erzählung basierende Libretto ist sehr verschieden davon.

Tschaikowski wollte den Stoff zuerst überhaupt nicht vertonen, vielleicht, weil der Ausgangsstoff zu wenig Emotionen enthielt. Sein Bruder Modest Tschaikowski als Librettist hat den Stoff von Puschkin aber so grundlegend verändert, dass nun Liebe, Drama, Emotionen vorhanden waren. Die Erzählung von Puschkin bildet jetzt nur noch den Kern für ein ganz neues Drama.

Was ist das Besondere an dieser Oper? Es ist diese Mischung aus Sinnlichkeit und Horror, Besessenheit und Hoffnung, die das Stück so besonders macht. „Pique Dame“ ist voller schroffer Kontraste, das war im Schaffen von Tschaikowski eine neue Seite. Der Zufall trifft auf den Wunsch, das Schicksal zu steuern

Das Libretto erzählt – angesiedelt im St. Petersburg des späten 18. Jahrhunderts – die tragische Geschichte des mittellosen Offiziers Hermann, der aus Liebe und Spielsucht in Wahnsinn und Tod getrieben wird. Dabei bleibt es offen, was wahr ist oder was nur in der Einbildung von Hermann passiert.

Hermann liebt die für ihn unerreichbare Adelsdame Lisa, die mit Fürst Jelezki verlobt ist. Graf Tomski erzählt die Legende von Lisas Großmutter, der alten Gräfin. Sie soll in ihrer Jugend das Geheimnis um drei Karten erfahren haben, die im Spiel sicher den Gewinn bringen. Hermann wird von der Idee besessen, dieses Geheimnis zu erfahren, um durch Reichtum Lisa für sich zu gewinnen. Er gesteht Lisa seine Liebe.

Lisa erkennt, dass sie Hermann liebt und nicht den Fürsten, sie verabreden sich noch für dieselbe Nacht. Hermann schleicht sich in das Zimmer der Gräfin, um sie nach den drei Karten zu fragen. Die Gräfin stirbt vor Schreck, ohne etwas verraten zu haben. Lisa dämmert, dass Hermann nicht wegen ihr, sondern nur wegen des Geheimnisses der Karten gekommen ist.
Der Geist der Gräfin erscheint Hermann im Traum und nennt ihm die drei Karten: Drei, Sieben, Ass. Lisa muss akzeptieren, dass Hermann nur noch besessen vom Spiel ist, sie bringt sich um.
Im Spielsalon gewinnt Hermann die ersten beiden Male mit der Drei und der Sieben. Beim dritten Mal spielt er gegen Fürst Jelezki und setzt alles auf das Ass, doch auf seiner Karte erscheint plötzlich die Pique Dame. Er verliert alles. Im Wahnsinn glaubt er die Gräfin zu sehen und begeht Selbstmord.

Die Ouvertüre greift ganz klassisch Themen der Oper auf. Wir werden direkt in eine Extremsituation hineinkatapultiert, zwei Welten treffen aufeinander, es ist eine riesige innere Spannung da. Die drei zentralen musikalischen Motive der Oper beherrschen schon die Ouvertüre, so wie sie die ganze Oper beherrschen werden: das Schicksalsmotiv, das Motiv der drei Karten, das Sehnsuchtsmotiv. Diese Motive bilden eine Art Netz, sorgen für psychische Kontinuität, bilden Wegweiser für das Publikum. Es war neu für Tschaikowski, das so strukturell zu benutzen.

Diese Leitmotive sind eher Wahnmotive, kehren wieder wie die Tropfen der chinesischen Wasserfolter. Sie sind Symbole der Manipulation, sie sind wie eine Schraube, die sich immer mehr zudreht. Die Gräfin ist nur wenige Minuten auf der Bühne präsent, aber sie ist das Zentrum, ist musikalisch immer anwesend. Hermann bekommt sie nie aus dem Kopf. Sich immer mehr in unser Gehirn hineinbohrende Ostinati stehen für Hermanns Besessenheit. Szenen auf der Bühne verwandeln sich in Seelenschilderungen, besonders deutlich in der Gewitterszene. Wir schauen hinein in ein gesellschaftliches Geschehen auf der Bühne, aber die Musik zieht uns immer mehr hinein in die Seelen der Hauptpersonen.

In das Libretto sind Texte „aus anderen Welten“ einbezogen, es wird so zu einer Art Collage. Die Musik greift das auf, sie integriert Volksmusik, Zitate anderer Komponisten, Tanzmusik, sie enthält „Vorklänge“ von dramatischer Filmmusik. Dies nimmt manchmal schon fast die musikalische Welt von Schostakowitsch voraus. Lisas Musik ist eine Mozart-Musik, ganz fern von Hermanns Welt, das macht den Kontrast zu Herrmann noch viel größer. Ganz zum Schluss der Oper erklingen dann acht Takte des Chors solo, wie aus einer Totenmesse, ein kurzer Moment der Erlösung.

Alles zusammen ergibt das eine außerordentlich moderne Musik, voller Spannung und Emotionen. Das ist eine Musik, die direkt in die Seelen der Personen hineinblickt, eine Musik, die die Gefühle und die Obsessionen der Personen nach außen kehrt.

Liebe gegen Besessenheit, diese Spannung hat den Regisseur Roland Schwab gereizt. Für ihn war diese Oper „ein absolutes Wunschstück“. Wo und wann werden Verrücktheit und Obsession gefährlich? Das war für ihn der zu inszenierende Kern. Das Stück kreist um zwei Gefühle in Hermanns Brust, die Liebe zu Lisa und den übermächtig werdenden Wunsch nach Reichtum und Aufstieg. Es ist ein höchst spannendes Mäandern zwischen den Welten.

Hermann ist der Außenseiter, der Ausgeschlossene, dem eine Luxusgesellschaft gegenübersteht, der er um fast jeden Preis angehören will. Diese Gesellschaft aber macht sich über ihn und seine Bemühungen lustig, sie braucht ihn nur, um bewundert zu werden. Lisa ist Teil dieser Gesellschaft, aber sie will aus ihr heraus. Von Anfang an weisen die Triebkräfte der beiden Hauptpersonen in unterschiedliche Richtungen.

Für diese Konstellation findet Roland Schwab ein faszinierendes Sinnbild, alles spielt auf einer gigantischen Treppe, die sich im Bühnenbild von Piero Vinciguerra ins Unendliche hinaufkrümmt. Roland Schwab hat sich hier von der Treppe des Casinos in San Remo inspirieren lassen. Das Bühnenbild soll der Dynamik der Musik entsprechen und sie verstärken. Das Ende der Treppe ist unerreichbar, der Sog nach oben impliziert den Absturz. Nur im Sterben kommt Hermann so hoch wie nie zuvor.

Hermann ist unten, will hinauf, die adlige Gesellschaft ist weiter oben, auf einem breiten Treppenabsatz, auf ihrer gesellschaftlichen Stufe. Etwas höher hinauf geht es nur für den Fürsten Jelezki – und nur der einmal hineinprojizierte Schatten der Kaiserin erreicht das obere Ende. Nach rechts und links wird diese Treppe von einem Vorhang aus silberglänzenden Streifen begrenzt, es wirkt ein bißchen wie eine glamouröse Showtreppe, auf der sich die Personen präsentieren. Die Bühne ist so ein Seelenraum, ein Raum der Sehnsüchte. Wir folgen hier keiner Handlung, wir blicken hinein in die Welten von Hermann und Lisa.

Die Bühne ist ein Einheitsraum, der immer neu interpretiert wird. Die Treppe verwandelt sich mit einfachen Mitteln in immer wieder neue Handlungs- und Seelenorte. Es reichen Lichteffekte (Licht: Andreas Schmidt), Spiegel, Kronleuchter, eine Schaukel, um diese Treppe in den Park, ein fürstliches Anwesen, das Haus der Gräfin oder das Spielcasino zu verwandeln. Manchmal hebt sich ganz langsam der Treppenabsatz, geisterhaft blaues Licht tritt hervor, so wie bei der Geistererscheinung der Gräfin.

Roland Schwab findet ergreifende, reduzierte Bilder. Das zweite Bild zeigt Lisa und ihre Freundinnen ganz in weiß, in ein schimmerndes, unirdisches Licht getaucht, Engel in einer Gegenwelt. Das Treffen von Lisa und Hermann im sechsten Bild findet vor dem grauen, trostlos anmutenden eisernen Vorhang statt. Hier bringt sich Lisa dann auch um, der Vorhang hebt sich, das glamouröse Spielcasino mit seiner dekadenten, pervertierten Gesellschaft erscheint, Saalordner bringen die Leiche hinaus. Die Liebe wird beiseite geschafft.

Auch auf der Bühne sind wie in der Musik für mich Zitate spürbar. Das Casino des siebten Bildes erinnert mich an den von Geistern erfüllten Ballsaal in Kubricks Film „The Shining“. Die im dritten Bild als Theaterstück aufgeführte Rokoko-Pastorale greift das Bild „L’Escarpolette“ (Die Schaukel) des französischen Malers Jean-Honoré Fragonard auf, eines der bedeutendsten Gemälde des Rokokos. Ganz großartig unterstützen zudem die Kostüme von Gabriele Rupprecht jede Szene. Seit „La Juive“ habe ich hier an der Oper nicht mehr so prachtvolle und gleichzeitig passende Kostüme gesehen.

Roland Schwab schreckt aber auch nicht davor zurück, verstörende Bilder aus der Oper auf die Bühne zu bringen. Durch die Gartengesellschaft des ersten Bildes zieht ein Zug von Kindersoldaten. Sie legen mit ihren Spielzeuggewehren auf Hermann an. Im Casino bedrängt die Gesellschaft zu einem derben Trinklied von Graf Tomski die anwesenden Mädchen und jungen Frauen. Im Nachgespräch zum Abend wurde das intensiv diskutiert. Darf man so etwas heute zeigen, muss man das zeigen? Dramaturg Daniel Menne erläuterte, das dieses Trinklied auf dem Text eines Dichters beruht, den Tschaikowski verachtet hat. Für mich war es klar: Ja, wir sollen verstört werden, wir sollen darüber nachdenken, wir sollen diese dekadente, übersättigte Gesellschaft verachten, so wie es vielleicht auch der Außenseiter Tschaikowski getan hat.

Auch musikalisch war das ein großer Abend, ein emotionaler Orkan, hinreißend gesungen. Vor der Pause musste kurz wegen eines medizinischen Notfalls im Parkett unterbrochen werden, aber es gab danach kein Zögern, kein Nachlassen der Intensität. Alle auf der Bühne zeigten Bestleistungen. Mir fällt es schwer, da jemanden hervorzuheben. Bis in die kleinste Rolle hinein war das erstklassig.

Xavier Moreno sang die höllisch schwere Partie des Hermann wie unter Hochspannung, mit präzisen Spitzentönen, klaren Farben und kochenden Emotionen, ein Mann immer am Rand des Abgrunds.

Bei Kiandra Howarth als Lisa hatte ich den Eindruck, dass sie sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit in diese Rolle hineinwarf. Sie WAR Lisa! Silbern leuchtend die Stimme, herrliche Piani, grandiose Gefühlsausbrüche, besser geht es kaum.

Max Dollinger als Fürst Jelezki war der elegante und noble Bariton-Gegenpart zu Hermann, voll stimmlicher Wärme, mit lyrischem, edlem Ton, beherrscht und kontrolliert, aber auch voll unterschwelliger Arroganz in der Casinoszene.

Helen Donath sang die Gräfin mit fast jugendlichem Klang, bewegend zart in der Szene, in der sie sich an ihre Jugend erinnert. Hier hätte man eine Stecknadel im Publikum fallen hören können. Das war ein beeindruckendes Rollenportrait einer großen Sängerin.

Philipp Jekal beeindruckte mich mit seinem kraftvollen, fast dramatischen Bariton als Graf Tomski und als Zlatogor. Ich konnte in der Stimme die diabolische Freude spüren, Hermann immer mehr anzustacheln.

Tomskis Begleiter Tschekalinski (Michał Prószyński), Surin (Daniel Eggert), Tschaplizki (Mark Serdiuk) und Narumow (Serhii Moskalchuk) waren ebenfalls hervorragend besetzt. Es sind nur kleinere Rollen, aber das war schon luxuriös! Die Oper Hannover hat beste Stimmen im Ensemble, die auch kleine Partien veredeln. Das galt auch für Lisas Freundin Polina, mit warmem, vollen Klang gesungen von Anthea Barać, die auch den Milowzor sang. Aus der Musikhochschule Hannover waren Constantin Bauer als Festordner und Yejin Kim als Mascha und als Prilepa dabei, da wachsen schöne Stimmen heran!

Zum umwerfenden Eindruck des Abends trugen auch der präzise und klangschön singende Chor unter der Leitung von Lorenzo Da Rio und der frisch und unschuldig klingende Kinderchor unter Tatiana Bergh bei. Auch die szenische Präsenz war sehr eindrücklich, hervorheben möchte ich hier Erik Demin aus dem Kinderchor als Kinderhauptmann.

Mit Francesco Angelico als neuem Generalmusikdirektor hat die Staatsoper Hannover einen Glücksgriff getan. Das harmonierte wunderbar zwischen Orchester und Dirigent. Was da an Farben und Emotionen aus dem Orchestergraben hervorkam, das war schon außerordentlich beeindruckend. Raserei, Verzweiflung, tiefe Gefühle, Dramatik, alles war da in dieser Musik. Dazu gab es noch unglaublich leise, zurückgenommene, fast zärtliche Passagen, wie ich sie selten so gehört habe. Insbesondere in der Szene der Gräfin: wie kann man nur so leise und zart werden, dass das Publikum den Atem anhält, anhalten muss! Und dann einen Moment später wieder manische, irrlichternde Läufe und überstürzende Wucht!

Das war ein Abend so intensiv, dass einem Hören und Sehen vergehen konnte, ein Sturm an Gefühlen, ein wilder Ansturm von Musik, getragen von Stimmen wie in einem Rausch. Das Haus war ausverkauft, die Klasse dieser Inszenierung und Besetzung hat sich herumgesprochen. Der Beifall zum Schluss wollte verdientermaßen kaum enden! Holt euch Karten, solange es sie noch gibt!

Nach der Vorstellung gab es ein sehr intensives Nachgespräch mit Daniel Eggert, Max Dollinger, Kiandra Howarth, Helen Donath, moderiert von Dramaturg Daniel Menne. Rund eine Stunde lang gab es ganz tiefe Einblicke. Danke an die Fünf, die sich nach diesem erregenden Abend dafür Zeit genommen haben!

Text und Foto: Achim Riehn

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