Drei ganz unterschiedliche Werke standen in diesem großartigen Konzert am 21.06.2026 auf dem Spielplan, drei zutiefst persönliche Werke, aus dem tiefsten Inneren heraus. Bachs „Kunst der Fuge“, Bergs Violinkonzert und die 10. Sinfonie von Schostakowitsch sind ergreifende Seelenlandschaften. Das Niedersächsische Staatsorchester unter Leitung von Mario Hartmuth und die großartige Solistin Antje Weithaas bereiteten mir einen berührenden Abend, der lange im Gedächtnis bleiben wird.

Das Niedersächsische Staatsorchester nach dem 8. Sinfoniekonzert. – Foto (c) Achim Riehn
Die drei Werke sind durch eine Art roten Faden miteinander verbunden. Berg und Schostakowitsch waren der Musik Bachs tief verbunden, in Bergs Violinkonzert wird sogar explizit Bach zitiert. Bach und Schostakowitsch haben die Werke des Abends mit einer musikalischen Signatur, ihren Namenskürzel, versehen: In der Kunst der Fuge spielt die Tonfolge B-A-C-H eine wichtige Rolle, in der 10. Sinfonie von Schostakowitsch ist es die Tonfolge D-Es-C-H, die für „D“mitri „SCH“ostakowitsch steht. Alle drei Werke beschäftigen sich zudem auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit dem Tod und dem Leben.
Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ entstand 1742 bis 1749. Mario Hartmuth hat für dieses Konzert drei Stücke daraus ausgewählt. Arno Lücker instrumentierte sie für dieses Konzert sehr einfühlsam. Es ist Bachs letztes Werk, eine Zusammenfassung seiner Kunst, eine Art Fazit seines Lebens.
Streicher und fünf Holzblasinstrumente, das brachte die Farben dieser Stücke glänzend zur Geltung. Mario Hartmuth und das Niedersächsische Staatsorchester ließen diese Musik dann erstrahlen. Der „Contrapunctus I a 4“ leuchtete in kristalliner Klarheit, tänzerisch und fast keck folgte der „Contrapunctus VI (a 4 in stile francese“). Den Anschluss bildete die Fragment gebliebene Schlussfuge „Fuga a 3 Soggeti“. Dies war eine große Meditation, ein Wechselspiel der Instrumente und der Stimmen, das war Musik, die mich fast die Zeit vergessen ließ. Vom BACH-Motiv durchzogen versetzte diese Musik in Trance. Bach ist gestorben, ehe er die Komposition beenden konnte und so endet diese Fuge quasi mitten im Wort.
Alban Bergs Konzert für Violine und Orchester „Dem Andenken eines Engels“ entstand 1935. Der Komponist widmete es der an Kinderlähmung verstorbenen Tochter von Alma Mahler-Werfel und Walter Gropius. In diese innerliche, fast intime Musik sind immer wieder Anklänge an Bach eingewoben. Berg zitiert die Bach-Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort“ und webt am Schluss die Töne B-A-C-H in die Musik ein. Das Violinkonzert ist Bergs letztes vollendetes Werk, es ist moderne Musik, aber aus Emotionen gebaut. Die Solovioline ist immer zart und zurückgenommen, das ist Virtuosität ohne Show, immer ein Teil des Gesamtklanges.
Als Solistin hörten wir Antje Weithaas, die nach ihrem Gewinn des Violinwettbewerbs Hannover im Jahr 1991 zu einer der international gefeiertsten Solistinnen geworden ist. Sie ist berühmt für ihre bis ins letzte Detail ausgefeilten, immer zutiefst berührenden Interpretationen.
Zart beginnt der erste Satz. Ich musste an Gustav Mahler denken. Das ist eine traumverlorene Ballade, das ist sehr innerliche Musik mit Anklängen an Volksmusik. Die Violine schwebt über dem zarten Teppich aus Musik. Eine fast zärtliche, intime Nachtmusik, das ist mein Eindruck. Die Musik wird kurz aufgewühlter, emotionaler, danach wechseln die Farben und Stimmungen permanent. Auf kämpferische Töne folgt dann wieder Beruhigung. Eine aufgewühlte Zuspitzung führt ins Chaos, ganz ruhig endet der Satz.
Ganz zart, nach innen gekehrt, so spielte Antje Weithaas diese Musik. Das war ein überaus inniger Dialog mit dem Orchester, ein Zwiegespräch unter Gleichen.
Heftig und aufgeregt beginnt der zweite Satz, das ist nun viel wildere Musik. Die Violine kämpft fast mit ihren Tönen. Dann kehrt wieder Ruhe ein, Violine und Orchester finden sich zu einem traurigen Miteinander zusammen, zu einer leisen Serenade. Die Violine sucht einen Weg aus dem Dunkel, zögernd, tastend. Aber dann folgt eine Katastrophe, ein musikalisches Zerschellen. Die Emotionen steigern sich, Aufruhr, Kampf, Entsetzen folgen. Nach einer stockenden Beruhigung wird die Musik zu einem Trauergesang, ein Choral scheint durch. Wir sind wirklich auf einer Trauerfeier, es ist ergreifend, das ist dunkelste Melancholie. Der Bach-Choral begleitet die Violine. Die Melodien schwingen sich weit hinaus in den Himmel, immer langsamer und zarter wird die Musik, das ist ein Vergehen in der Dunkelheit. Das Konzert endet mit einem wieder an Mahler gemahnenden, lang ausgehaltenem Akkord.
Nach diesem ersten Satz hatte ich nicht geglaubt, dass die Solovioline noch zarter und inniger gespielt werden kann. Aber kein Problem für Antje Weithaas. Sie ist eine Meisterin an Präzision und Klarheit, in jedem Ton war das zu hören. Das Orchester stand ihr in nichts nach, ganz hervorragend!
Für den Beifall bedankte sich Antje Weithaas beim Publikum natürlich mit Bach, mit dem Largo aus der Sonate C-Dur. Jeder Ton war eine reine Kostbarkeit.
„Ich möchte für das legitime Recht auf das Lachen in der vermeintlich Ernsten Musik kämpfen!“ Diesen Satz von Dmitri Schostakowitsch zitierte die Staatsoper Hannover in ihrer Programmankündigung. In seiner nach der Pause gespielten Sinfonie Nr. 10 e-Moll op. 93 aus dem Jahr 1953 müssen wir aber auf das Lachen bis in die Schlusssätze warten. Schostakowitsch lebte während der Stalin-Diktatur immer in der Angst vor Deportation und Tod, diese Sinfonie ist das vorsichtige Aufatmen nach Stalins Tod. Für mich ist sie ein noch banges Aufwachen aus einem grauenhaften Albtraum.
Mysteriös und ruhig beginnt der erste Satz. Melodien tasten sich zögernd und nachdenklich aus dem Dunkel. Ist das eine noch gefangene Seele? Eine zarte Melodie leitet ein träumerisches Musizieren ein. Dann wird es bewegter, kämpferischer, es ist ein Aufbäumen, aber wieder geht es zurück ins Dunkel des Traums. Ein neuer Abschnitt folgt. Die Melodien trauen sich aus dem Dunkel und beginnen vorsichtig zu tanzen und zu leben. Aber wieder geht es hinein ins Dunkle. Der Tanz war nur ein tastender Versuch, ruhig und in sich versunken geht es weiter.
Aber nun folgt eine Zuspitzung: Aufbäumen, Angst, Kampf, Durchbruch. Es ist ein Kampf und ein Sieg, ohne Triumph, es ist ein Aufbrechen der Zelle. Die Musik zerbirst in einem katastrophischen Höhepunkt und geht aufgewühlt und emotional weiter. Ist das Licht? Oder ist das noch die Hölle? Die Musik beruhigt sich: kann man dem Hoffnungsfunken trauen? Wieder beginnt das zaghafte Tanzen. Die Melodien des Beginns tauchen wieder auf, in einem etwas helleren Licht, zart, in sich gekehrt. Ruhiger wird die Musik und lichter, es ist ein Hoffnungsschimmer, es ist wie ein Morgenlicht nach dunkler Nacht. Vögel singen in den Holzbläsern, leise klingt der Satz aus.
Das ist ein riesiger Satz, mehr als 25 Minuten lang. Es gilt, über diese Zeit die Spannung zu erhalten, alles miteinander zu verbinden. Das gelang Mario Hartmuth und dem Niedersächsischen Staatsorchester hervorragend. Das Tempo erschien mir eher gemessen, das Nachdenkliche der Musik wurde so betont, dies brachte aber die vielen Details in der Musik sehr gut zur Geltung.
Erschreckend anders ist der kurze, vorbeizuckende zweite Satz. Heftig, aggressiv, gefährlich, Musik wie ein bösartiger Sturm. Da sind Fallbeile in der Musik, da hören wir Gefahr und Unterdrückung. Die Musik ist ausser Rand und Band, ein Todessturm. Niemand hält dieses Bösartigkeit auf, die immer heftiger wird. Das ist eine Musik der Vernichtung, durchzuckt von Volksmusikfloskeln, die wie höhnische Karikaturen wirken. Dieser Satz wird oft als ein Portrait Stalins bezeichnet, es ist auf jeden Fall ein Portrait des Bösen, des Teufels, in Musik gegossen.
Das wurde vom Orchester wirklich mit Wildheit, mit Bösartigkeit gespielt. Die Musikinstrumente brüllten fast ihre Melodiefetzen heraus, brüllten sie uns ins Gesicht. Das Schlagwerk ließ die hammerartige Schläge klingen wie gnadenlose Fallbeile, wie Hinrichtungsmaschinen. Das machte Angst und gleichzeitig erlag man dem unerbittlichen Schwung dieser Musik. Ich kann die Menschen im Publikum verstehen, die hier spontan klatschten.
Im dritten Satz hören wir dann deutlich das DSCH-Motiv. Ruhig und bedächtig setzt die Musik ein, suchend, aber dann beginnt sie zaghaft zu tanzen. Der Teufel ist tot, aber die Musik traut sich noch nicht so richtig. Was kommt nach dem Teufel? Nach beruhigenden, idyllischen Rufen des Horns scheint die Musik vorsichtig aufzublühen, immer mehr Instrumente beginnen vorsichtig zu tanzen. Ein Triumphtanz des ganzen Orchesters folgt, die Musik wirft die Fesseln ab: Sieg, neues Leben. Der Ruf der Hörner ist nun das Signal für eine neue Zeit. Ruhig und aufatmend folgt dann der Schluss, im dem das DSCH aufleuchtet: überlebt!
Auch dieser Satz wurde an diesem Abend von Orchester und Dirigent exzellent interpretiert und gespielt. Idylle und Bedrohung schienen da ganz nah beieinander zu sein.
Vierter Satz: zuerst ruhig, lyrisch, ein zarter Gesang, in sich versunken – aber mit dunklen Wolken. Plötzlich setzt ein fröhlicher, kecker Tanz ein, die Musik schaukelt sich auf, klingt wie ein Fest, wird fast etwas betrunken und ausgelassen. Aber es ist ein Tanz mit kämpferischen Untertönen, es steigert sich bis ins Kriegerische. Das DSCH wird hochemotional herausgeschrieen, der Mensch kann endlich wieder sein Gesicht zeigen. Ganz zart und ruhig geht es weiter, bevor es dann wieder tänzerisch und immer ausgelassener wird. Im lebensprühenden Schluss singt das Orchester sein DSCH: Gewonnen, ich bin noch da, Du Teufel bist tot.
Mario Hartmuth führte das Orchester mit Präzision durch diesen Satz. Der kämpferische Tanz gelang mitreißend, das Zarte wirklich zart. Das DSCH des Schlusses wurde so zu einem Triumph, einer Selbstbestätigung. Alles ist nun vielleicht nicht gut, aber auch nicht mehr nur bedrohlich und bedrückend. Eine tolle Interpretation, für die alle mit starkem Beifall bedacht wurden. Diese Sinfonie hat viele wirklich extrem anspruchsvolle Soli, insbesondere in den Holzbläsern, in den Hörnern, im Schlagwerk. Zu Recht wurde hier jede und jeder einzeln beklatscht. Wir haben schon tolle Musikerinnen und Musiker!
