7. Sinfoniekonzert: Innerlichkeit, Abschiedsgefühle und frischer Wind

In diesem ungewöhnlichen Konzert am 26. April 2026, Stephan Zilias‘ letztem Sinfoniekonzert als Generalmusikdirektor an der Staatsoper Hannover, trafen ganz unterschiedliche Werke aufeinander. Aber es funktionierte vortrefflich. Beethovens Violinkonzert traf auf Spätwerke von Richard Strauss, die Schlussszene aus „Capriccio“,  die „Vier letzten Lieder“ auf „Azinheira“ der jungen, österreichischen Komponistin Hannah Eisendle, eine deutsche Erstaufführung. Neubeginn und Abschied verbanden sich auf beglückende Art und Weise: Stephan Zilias widmete das Konzert in einer kurzem emotionalen Ansprache dem verstorbenen Gründer der Stiftung Niedersächsisches Staatsorchester Hannover, Eberhard Furch.

Schlussapplaus für das letzte Sinfoniekonzert von Generalmusikdirektor Stephan Zilias. – Foto (c) Achim Riehn

Ludwig van Beethovens Konzert für Violine und Orchester D-Dur wurde 1806 in Wien uraufgeführt. Es ist Beethovens einziges vollendetes Konzert dieser Gattung. Es gilt als eines der bedeutendsten Solokonzerte für die Violine. Im Konzert spielte es Stefan Zientek, seit der Spielzeit 2023/24 erster alternierender Konzertmeister des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover.

Der erste Satz beginnt mit einer langen, ruhigen Orchestereinleitung, fast wie eine Sinfonie. Dann setzt die Solovioline ein und nimmt die Themen auf, ein Wechselgesang entsteht. Immer wieder ist in der Musik ein pochendes, fünftöniges Thema zu hören, vier Töne gleicher Tonhöhe, ein weiterer Ton. Die Musik ist sehr gesanglich, mit einigen dramatischen Zuspitzungen. Kunstvoll werden die Motive verarbeitet und in immer wieder anderem Licht gezeigt. Der Satz ist ein Miteinander von Solovioline und Orchester, ein gemeinsames Musizieren. Das wurde von Stefan Zientek und dem Orchester sehr sensibel gespielt, innerlich, leise im Ton, auf die Musik und deren Ausdruck konzentriert, ohne protziges Virtuosentum. Hinreißend waren die wunderbar ätherischen, leisen Passagen der Solovioline. Mir gefiel auch die fast wilde, ungewöhnlich moderne Kadenz.

Ruhig, sehr gesanglich, wir erleben im zweiten Satz eine lyrische Szene voller Romantik. Innerlich und fast schwelgerisch ist die Musik, die Solovioline muss alle diese Emotionen zeigen. Hier spielten Solist und Orchester noch innerlicher, wir hörten eine in sich versunkene Träumerei.

Der dritte Satz des Konzerts ist sehr beschwingt und vorwärtsdrängend. Alles ist voller Energie und Freude. Die Solovioline tanzt über dem Orchester, virtuos geführt. Leuchtend und voller tänzerischer Energie wurde das gespielt, aber die Sensibilität ging nicht verloren. Das war ganz hervorragend! In allen drei Sätzen hörte ich eine ganz eigene, fast zarte, eindringliche Interpretation dieses Konzerts. Es ist großartig, so einen erstklassigen Solisten im Orchester zu haben! Bravo für Stefan Zientek!

Als erstes Stück nach der Pause hörten wir die Schlussszene der Gräfin aus „Capriccio“ von Richard Strauss. „Capriccio“ ist die letzte Oper von Richard Strauss, die Uraufführung fand 1942 in München statt. „Capriccio“ ist eine Gesamtzusammenfassung der Strauss’schen Musik. „Alles, was Strauss in seinem Leben erlebt und gefühlt hat, das ist in dieser Musik“, so sagte es Stephan Zilias bei einem Probenbesuch. Was steht im Vordergrund? Text oder Musik? Personifiziert in dieser Oper durch Dichter und Komponist, darum geht es. Die Gräfin soll sich im Schlussgesang entscheiden, auch zwischen dem Dichter und dem Komponisten. Aber sie lässt es offen. Im Schlussgesang kämpfen die musikalischen Motive von Dichter und Komponist gegeneinander, „aber eigentlich passen sie gut zueinander“.

Als Solistin hörten wir die finnische Sängerin Camilla Nylund, eine der führenden dramatischen Sopranistinnen der heutigen Zeit. Ihre Karriere begann in Hannover, wo sie von 1995 bis 1999 Mitglied des Opernensembles war. Die Gräfin aus „Capriccio“ war Camilla Nylunds erste große Hauptrolle in Hannover.

Die Musik dieser Schlussszene ist schwelgerisch, außerordentlich melodisch und gesanglich. Überaus romantisch ist das, nah in der Stimmung an den „Vier letzten Liedern“. Stephan Zilias und das Niedersächsische Staatsorchester ließen diese Musik erstrahlen, legten Camilla Nylund einen perfekten Teppich für ihre leuchtende Stimme zu Füßen. Sehr gut!

Das nächste Stück war „Azinheira“ von Hannah Eisendle, heute zu hören als deutsche Erstaufführung. Die österreichische Komponistin Hannah Eisendle wurde 1993 in Wien geboren. Sie hat bereits mehr als 40 Werke verschiedenster Genres geschrieben, bis hin zu großen Orchesterwerken. Diese Werke wurden weltweit uraufgeführt.

Titelgeberin des Stücks ist eine Steineiche, portugiesisch Azinheira. Der bis zu 500 Jahre alt werdende Baum „dient als Metapher für die Transformation vom Alleingang durch Zeiten der Unterdrückung in die Bewegung eines solidarischen Miteinanders“, so die Komponistin. Eingearbeitet in das Stück sind Elemente des Liedes „Grandola, vila morena“, das als Hymne der antifaschistischen Bewegung in Portugal während Nelkenrevolution im Jahr 1974 fungierte.

Mit dieser Musik brach gleichsam der Punk in den von Melancholie erfüllten Salon der Gräfin ein. Frischer Wind, ein herrliches Stück, voller Überraschungen, voll von ungewöhnlich schönen Klangfarben, voll von Lebenslust und auch Besinnlichkeit. Von Hannah Eisendle möchte ich sehr gern viel mehr hören. Stephan Zilias und das Niedersächsische Staatsorchester ließen diese Musik glitzern, funkeln und in allen Farben leuchten, das war hervorragend. Orchester, Dirigent und die wie ihre Musik strahlende Komponistin wurden vom Publikum begeistert gefeiert.

Die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss nach Gedichten von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff entstanden 1948. Sie waren nicht als Zyklus gedacht, sie entstanden unabhängig voneinander. Der Titel stammt vom Verleger. Die Uraufführung fand 1950 posthum in der Royal Albert Hall in London statt.

Die „Vier letzten Lieder“ sind extrem emotionale Musik, die Gefühle direkt ins Herz des Publikums transportieren. Das kann für Menschen auch zu viel sein. Ich liebe diese Musik, und sie spricht mich mehr an als die meisten Kompositionen von Richard Strauss. Camilla Nylund hat eine warme, strahlende Stimme, ganz sicher in den langen Gesangslinien dieser Lieder, ganz klar und präzise in den Spitzentönen. Das ist ideal für diese Lieder.

Der „Frühling“ beginnt bewegt, leuchtend, voll von innerer Begeisterung. Die Singstimme schwingt sich fast ekstatisch auf in langen Gesangslinien. Alles ist voller Entzücken und Überschwang. Etwas Neues beginnt, in jedem Ton ist es zu spüren. Es ist wie ein Gang in der Sonne durch das erste Grün draußen, durch die gelb schimmernden Rapsfelder. Alles leuchtet in dieser Musik. Auch Stephan Zilias ließ die Musik leuchten, Camilla Nylund ließ ihre Stimme erstrahlen, Frühlingserwachen pur.

Glutvoll, aber etwas melancholisch ist die Musik des Liedes „September“. Der Gesang ist eher nachdenklich, voll mit Abschiedsgefühl und Wehmut. Etwas Schönes geht zu Ende. Es endet leise, die Musik vergeht. Orchester, Dirigent und Solistin trafen diese Stimmungen sehr gut.

„Beim Schlafengehen“, die Musik ist sehr besinnlich, romantischer geht es kaum noch. Das ist Musik, die das letzte, vergehende Licht sieht. Das Ende wird akzeptiert, die Musik sagt das in jedem Ton. Nach einer ganz ruhigen, orchestralen Zwischenpassage schwingt sich dann die Stimme hinaus in eine göttliche, unendlich schöne Überwelt, voller Trost. Ich kann es nur mit solchen Worten sagen. Das Jenseits wird gesehen, mit fast ekstatischen Gefühlen. Leise geht das Lied zu Ende. Es war herrlich, diese Musiker und diese Solistin zu erleben.

Ruhig, in sich versunken, in mildes Licht getaucht: Das ist „Im Abendrot“, für mich der Höhepunkt dieses Liederzyklus. Das ist ganz weit weg vom Diesseits, für mich ist diese Musik schon an einem anderen Ort. Wir hören weite Flächen aus Musik, es fühlt sich an wie ein leise fließender Fluss aus Musik, wie das leise Wispern des Windes in den Bäumen. Auch der Gesang ist ruhig und auf sich selbst konzentriert. Lerchen erklingen im Orchester in dieser auskomponierten musikalischen Stille. Die Musik wird immer ruhiger, das ist ein allmähliches Verdämmern. Darüber leuchtet der Gesang in ganz ruhigen Tönen. Auf der letzten Silbe von „wandermüde“ scheint die Musik kurz zu stocken. Ist das schon der Tod? Im Orchesterschluss scheint ganz tröstlich „Tod und Verklärung“ von Strauss auf. Die Musik sinkt langsam hinab, noch einmal sind die Lerchentriller zu hören: Die Seele entschwindet. Ganz groß wurde das dargeboten, es fehlen mir die passenden Worte, dieses Gefühl der Ergriffenheit näher zu beschreiben.

Als Zugabe gab es dann noch das wirklich letzte Lied von Richard Strauss, „Malven“, in der Orchestrierung von Wolfgang Rihm.

Dieses sehr schöne und wunderbar ungewöhnliche Konzert war ein würdiger Abschluss für die Zeit von Stephan Zilias an der Staatsoper Hannover. Mit bewegenden Worten bedankte er sich zum Schluss beim Orchester, beim Haus und bei uns als Publikum. Wir wünschen ihm alles Gute in Antwerpen! Wir freuen uns auf ein Wiedersehen und -hören!

Text: Achim Riehn

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