„Der Troubadour“: Im Rausch der Seelenbilder

Verdis „Troubadour“ an der Staatsoper Hannover am 27. September 2027, eine Aufführung, die mich in einen Rausch der Bilder hineingezogen hat, gerade wegen ihrer reduzierten Klarheit. Gesungen und gespielt wurde dazu noch, als ob es keinen weiteren Tag gäbe, mit voller Emotionalität. Die Seelen lagen musikalisch bloß, das war ein großartiges Erlebnis.

Über das Stück wird oft gesagt, dass man es nicht inszenieren kann. Es gibt keine eigentliche Handlung, wir schauen hinein in Situationen, wie von Schlaglichtern erleuchtet. Aber Verdi versieht diese Nicht-Handlung mit einer unglaublich tollen Musik, mit unglaublich tiefen Personenschilderungen. Schönere Melodien hat Verdi für mich kaum geschrieben. Statt um eine dramaturgisch schlüssige Handlung geht es Verdi um die Radikalisierung von Individuen in einer Extremsituation. Die Themen dieser Oper sind Rache und Trauma, es ist ein Thriller und mehr, es ist anspruchsvoll und großartig. Ihre Traumata „ertränken“ alle Personen in Melodien, es ist ein Versuch, verletzte Seelen mit Schönheit zu heilen.

Die Folgen einer tragischen Vorgeschichte haben dramatische Konsequenzen in dieser Oper. Der Vater von Graf Luna hat vor vielen Jahren Azucenas Mutter als Hexe verbrennen lassen. Aus Rache hat Azucena den zweiten Sohn des Grafen ins Feuer gestoßen und so getötet. Graf Luna und Azucena sind immer noch von Rachegedanken erfüllt. Ferrando, ein Waffengefährte des alten Grafen, hält die Rachegedanken wach.

Der junge Graf Luna und Azucenas Sohn, der Troubadour Manrico, sind erbitterte Feinde im Bürgerkrieg. Beide lieben zudem die Hofdame Leonora, aber Leonora erwidert nur die Liebe von Manrico. Im Verlauf des Bürgerkriegs gelingt es Graf Luna, Azucena gefangen zu nehmen und den Scheiterhaufen für sie vorzubereiten. Als Manrico sie retten will, wird auch er von Luna verhaftet und zum Tod verurteilt. Leonora verspricht Graf Luna ihre Hand, wenn er Manrico verschont. Heimlich nimmt sie jedoch Gift ein. Als Manrico im Kerker erfährt, wofür sie sich geopfert hat, stirbt Leonora in seinen Armen. Graf Luna lässt Manrico vor den Augen Azucenas hinrichten. Auf dem Weg zum Scheiterhaufen offenbart Azucena dem Grafen die Wahrheit: Manrico war sein Bruder. Sie hatte damals im Wahn ihr eigenes Kind ins Feuer gestoßen und den geretteten Grafensohn als ihren Sohn Manrico aufgezogen.

Die Personen haben ihre eigenen Traumata zu bewältigen, müssen mit aus der Vergangenheit übernommenen Racheaufträgen zu leben. Azucena, das Zentrum der Oper, ist gleichzeitig eine Mutter und eine Tochter. Sie wird gejagt von den Bildern, sie „lebt“ im Zimmer ihres toten Kindes und erlebt das Trauma immer wieder. Um alles in der Welt will sie die Erinnerung festhalten. Dieser Racheauftrag wird auch an Manrico übertragen. Er ist in seinen Gefühlen zerrissen, läuft von der Mutter weg zu Leonora und wieder zurück.

Graf Luna hat ebenfalls einen Racheauftrag mitbekommen, er ist eine getriebene Figur, dazu noch verzehrt von der Begierde nach Leonora. Sie ist die stärkste Figur, denn sie entscheidet in jeder Situation für sich selbst. Sie entscheidet sich für einen Mann, den sie eigentlich nicht kennt. Leonora ist der Katalysator für das, was in diesem Stück passiert. Ferrando ist der „Einflüsterer“ von Luna, er ist der Brandstifter des Stückes, er hält den Konflikt aufrecht, gestattet keinen Frieden.

Es geht im „Troubadour“ nicht um eine Story, die erzählt werden muss, alles ist total fragmentarisch erzählt. Briefwechsel von Verdi zeigen, dass der Komponist es genau so wollte. Es geht um Momente von Extremsituationen, um psychologische Bilder, nicht um die Geschichte. Die handelnden Personen werden dabei ganz präzise aus verschiedenen Perspektiven geschildert. Verdi wertet nicht, es gibt kein klares Gut und Böse. Alles was passiert, passiert vor der Oper oder in nicht komponierten Abschnitten zwischen den musikalischen Bildern. Verdi lässt uns dafür schlaglichtartig hineinschauen in Situationen, in denen Personen zurückblicken, verhandeln, sich entscheiden. Es ist so wohl das modernste Stück, das Verdi komponiert hat. Viele Kritiker haben die Handlung vermisst, haben sich sogar in Parodien über diese Oper lustig gemacht. Für mich haben sie Verdis Intentionen verkannt. Es geht ja nicht um Handlung, es geht um Seelenbilder von Personen am Rand des Zerspringens.

Ziel einer Regie muss es sein, dies und die Tiefe der Musik erfahrbar zu machen. Regisseur Wolfgang Nägele gelingt dies aus meiner Sicht bezwingend. Er versucht nicht, dem Stück eine Handlung und einen dramaturgischen Leitfaden überzustülpen, er lenkt den Blick auf die Personen, in sie hinein, versinnbildlicht ihre Emotionen und ihre Innenwelt.

Das Bühnenbild von Lisa Däßler unterstützt das eindrücklich. Wir sehen keine Räume, keine Säle in einem Palast, keinen Kerker. Nichts lenkt von den Personen ab. Wir sehen eine verbrannte Felslandschaft, nach hinten begrenzt durch eine Art Wand, die wie versengtes, von Flammenspuren überzogenes Papier aussieht. Diese Landschaft ist Sinnbild für die Verwüstung in den Personen. Sie ist Basis für die gezeigtem Zustände der Personen, sie zeigt eine Grundatmosphäre, bildet einen Grundraum für alles, was passiert. Dieser Grundraum ist vom Element des Feuers geprägt, steht für die Glut in den Herzen, für die Leidenschaft, für das Verbrennen der Welt. Wir sehen und spüren: Die Welt ist eine verbrannte Wunde. Wir sind in einem Bürgerkrieg, so sagt es das Libretto, das Äußere ist ein Bild des Inneren. In diese Grundsituation gleiten die konkreten Bühnenbilder hinein, von den Seiten, von oben. So wie sie hineingekommen sind, so verschwinden sie auch wieder, wenn die „Handlung“ (ich kann das nur in Anführungsstriche setzen) sich einer anderen Situation zuwendet.

Wir sehen so ein Fernsehstudio, in dem Ferrando die Vorgeschichte erzählt und in dem er sich dabei aufnehmen lässt. Bilder dieser Aufzeichnung tauchen später auf einer Art Videowand wieder auf, nehmen diese Erinnerung auf, vermischt mit Bildern des brennenden Feuers des Scheiterhaufens. Von oben senkt sich das Kinderzimmer Manricos zu Azucena herab, eine Erinnerung an die Vergangenheit. Im Fernseher sehen wir das Feuer des Scheiterhaufens ihrer Mutter. Azucena singt ihre Arie „Stride la vampa“ hier für sich allein, zeigt dadurch eindrücklich das allmähliche Abdriften in den Wahn, zeigt, dass sie in ihrem Trauma und in ihren Rachegedanken gefangen ist. Auch der Zigeunerchor singt in dieser Felslandschaft, nicht vor Azucena, hier ist er eine Art Reisegruppe, die ein folkloristisches Lied singt.

Leonoras Flucht wird von einem sich von oben herabsinkenden, abgesägten Baum gestoppt, der die Straße sperrt. Das Graf Lunas Männer mit einer Kettensäge herumspielen, ist also folgerichtig. An diesem Baum sehen wir noch einige grüne Blätter, ein Zeichen der Hoffnung, das mit Leonora verbunden ist.

Nach der Pause hat sich die Bühne in eine Art Versammlungsraum mit vielen Bänken für die Truppen Graf Lunas verwandelt. Das verschwindet dann wieder, ein gelbes Zelt senkt sich herab, der Ort für die Liebesszene zwischen Leonora und Manrico entsteht. Vor dem Zelt gibt es grüne Zweige, vielleicht vom gefällten Baum, noch ist die Hoffnung auf ein gutes Ende bei den Personen da.

Zum Schluss enden die Geschichten der Personen, endet alles in der bitteren Realität. Die versengte Wand aus Papier verschwindet, wir sehen in den Rückraum der Bühne, in die Wirklichkeit.

Das Bühnenbild zeigt große Verlorenheit und ist doch ganz konkret. Die Kostüme von Irina Spreckelmayer nehmen das auf. Sie zeigen Anklänge an die 1990er-Jahre, Anklänge an die Zeit der fremdenfeindlichen Anschläge. Sie sind sehr klar den einzelnen Gruppen und Personen zugeordnet, sie fungieren als Zeichen. Azuzena trägt hellblau, Graf Luna einen roten Ledermantel, Manrico waldgrün, Leonora mädchenhafte Kleidung in violetten Tönen. Ferrando in seinem grauen Mantel, mit der großen, dunklen Brille und mit seinem Pferdeschwanz erinnert mich an einen Mafiosi. Die Truppen sind neutraler gekleidete Massen, oft in grauen Kostümen. Die Truppen tragen zum Schluss Kuhhörner, haben Baseballschläger dabei, das nimmt die Bilder des Sturms auf das Capitol auf, holt den Bürgerkrieg ins Diesseits.

Gesungen wurde an diesem Abend atemberaubend gut. Ich erlebte eine ohne Einschränkung erstklassige Besetzung, die das auch musikalisch zu einem tollen Erlebnis machte.

Im Zentrum der Oper steht für mich Azucena. Gesungen wurde sie von Monika Walerowicz, aber „gesungen“ ist das falsche Wort. Das war eine Azuzena wie eine Naturgewalt, berstend vor Emotionen, voller Drama, dabei aber auch voller Klangschönheit. Hier ließ eine große Sängerin ihre Seele heraus, es war bezwingend.

Cristiana Oliveira als Leonora begeisterte mit ihrem leuchtenden, den ganzen Raum füllenden Sopran, brillierte in den wunderbar innig gesungenen Passagen ebenso wie in den dramatischen Ausbrüchen. Sie verkörperte glaubhaft eine Frau, die weiß, was sie will und die das jederzeit mit ihrer Stimme ausdrücken kann.

Den Manrico sang an diesem Abend Hovhannes Ayvazyan. Das war ein Manrico mit Heldentenorstimme, alles überstrahlend in seinen Ausbrüchen, innig und fein gesungen an den leisen Stellen. Fantastisch, wie bruchlos und schnell er zwischen diesen Emotionen wechseln konnte!

Grga Peroš sang den Graf Luna mit so viel Gefühl, dass man mit ihm fast mitleiden musste. Klangschön, warm, emotional, zerrissen, bezwingend. Fast hätte ich es diesem Bösen mit Seele gewünscht, Leonora zu bekommen.

Shavleg Armasi versah seinen toll gesungenen Ferrando mit untergründiger Bösartigkeit. Die Stimme zeigte in jedem Moment, wer hier eigentlich das Sagen hat.  

Auch die kleineren Rollen, die Ines von Luisa Müller, der Ruiz von Antonio Fernandez Brixis, der alte Gitano von Sang-Ho Lee und der Bote von Steffen Thole, konnten mit diesem hohen Niveau mithalten. Das gilt auch für den großartig und präzise singenden Chor der Staatsoper Hannover.

Masaru Kumakura breitete mit dem präzise und einfühlsam spielenden Niedersächsischen Staatsorchester den Sängerinnen und Sängern einen Zauberteppich aus, nie zu laut, immer auf den Punkt, nie zu vordergründig. Die Musik war kein Selbstzweck, sie war integraler Bestandteil eines musikalisch beglückenden Abends.

Für mich ist das ausdrücklich eine Inszenierung des „Troubadours“, die man gesehen haben muss, psychologisch auf den Punkt gebracht. Konservativere Gemüter mögen Folklore auf der Bühne vermisst haben und sich an der Kettensäge gestört haben, ich nicht. Und hört man nur auf den Gesang, so wird man kaum viel Besseres finden. Also hingehen, hinschauen, hinhören! Es lohnt!

Text und Foto: Achim Riehn

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