Mit diesem ersten Sinfoniekonzert der Saison gab am 21. September 2026 der neue Generalmusikdirektor Francesco Angelico zusammen mit dem Niedersächsischen Staatsorchester einen fulminanten Konzerteinstand. Drei Werke standen auf dem Programm, ganz unterschiedlich in der Ausdrucksweise und den Emotionen: Liebe, Freude, Schmerz und Triumph, drei Blicke auf das Leben. Impressionismus traf auf Romantik. Dreimal gelang das ganz herausragend.
Liebestrunkene Musik, eine Träumerei, das ist die „Reverie“ von Alexander Skrjabin aus dem Jahr 1898. Zart, fast impressionistisch beginnt dieses kurze Stück. Immer schwelgerischer und ekstatischer wird die Musik, wird aber nach einem Höhepunkt schnell wieder zarter. Es endet in einem seligen Dahinschlummern, von einer kurzen weiteren Zuspitzung wie von einer Traumerinnerung unterbrochen. Tristan träumt von Melisande, das war meine spontane Assoziation. Das Orchester ließ diese Musik leuchten und funkeln.
Die 4. Sinfonie von Karol Szymanowski aus dem Jahr 1932 ist eine Sinfonie mit hervorgehobenem Klavierpart. Szymanowski hat ihr wohl daher auch den Untertitel „Symphonie concertante“ gegeben. Den Klavierpart an diesem Abend spielte glühend und energisch Tamara Stefanovich, gefeierte Interpretin vor allem moderner Musik. Szymanowski hat einen ganz eigenen Stil, zwischen Impressionismus und Moderne angesiedelt, abwechslungsreich, voller Farben, voller Energie, voller Melodien. Diese Sinfonie ist dafür ein gutes Beispiel.
Pochend, rhythmisch beginnt der erste Satz, verträumte Melodiefragmente kommen am Klavier zum Orchester dazu. Impressionistisch und tänzerisch schwebend kommt die Musik daher. Gleich wird es schneller, wilder, fast turbulent. Alles ist sehr melodisch. Der Satz besteht aus dahinhuschenden Bildern, Steigerungen und Träumereien wechseln sich ab. Ein farbendurchglühter Höhepunkt führt zu einem auftrumpfenden Schluss.
Der zweite Satz beginnt zart und verträumt, das ist eine Nachtmusik, voller Blütenduft. Es wird bewegter, ein Höhepunkt folgt, fast hymnisch geht es weiter. Nach einem regelrechten Klangfarbensturm in allen Instrumenten beruhigt sich die Musik, die Nachtmusik kehrt zurück, nach einer fast verspielten Passage im Klavier endet der Satz ruhig.
Ein dunkler Tanz, so beginnt der dritte Satz. Die Musik steigert sich, wird immer ausgelassener und wilder. Vor meinem Auge sah ich die Paare über die Tanzfläche wirbeln. Das steigert sich so, dass die Musik fast aus der Bahn geworfen wird. Es beruhigt sich, zarte Melodien in der Solovioline breiten eine intime Idylle vor uns aus. Dann kehrt der dunkle Tanz wieder, eine große, wilde Steigerung folgt, zum Schluss tanzen alle Instrumente wild und fast trunken.
Ganz hervorragend gelang diese Musik, das glitzerte, das leuchtete, das funkelte. Die rhythmisch vertrackten Passagen waren kein Problem, das war auf den Punkt, das tanzte, das lebte. Das Klavier ist in dieser Sinfonie die führende Stimme, es gibt kein protziges Virtuosengehabe. Tamara Stefanovich ging diesen Dialog mit dem Orchester ganz wunderbar ein. Es war verblüffend, wie viele verschiedene Farben und Emotionen so ein Klavier im Zusammenspiel mit dem Orchester zeigen kann. Viel Beifall für toll umgesetzte Musik. Mehr Szymanowski in Konzertprogrammen (und auf der Opernbühne – Krol Roger!) würde mich freuen!
Nach der Pause folgte als krönender Abschluss eines begeisternden Abends die 5. Sinfonie von Pjotr Tschaikowski aus dem Jahr 1888. Es ist ein Werk voller Abgründe, zwischen Trauer, Resignation, Idylle und Triumph schwankend, ein musikalischer Gang durch ein Leben, von einem Schicksalsmotiv durchzogen.
Fahl und lastend beginnt mit diesem Motiv in den Klarinetten der erste Satz. Ein zweites Motiv setzt ein, marschartig geht es voran, es steigert sich, die Musik bäumt sich auf. Es wird dann träumerischer, schwelgerischer, diese Stimmungen wechseln permanent. Leise und dunkel klingt der Satz aus. Wunderbar wurden diese Stimmungen an diesem Abend umgesetzt, ich konnte förmlich die Stimmungsumschwünge eines empfindsamen, am Leben zweifelnden Menschen mitempfinden.
Der zweite Satz beginnt mit einem überaus romantischen Hornsolo zu einem Choral der Streicher, dann von Holzbläsern begleitet. Das ist gesanglich, das ist träumerisch. Die Musik wird dann bewegter, steigert sich, wird emotionaler. Wie Wellen wechseln sich diese beiden Stimmungen ab. Neue Melodien in den Holzbläsern kommen dazu, alles ist voll innerlicher Erregung. Die Musik des Beginns des Satzes kehrt wieder, wie ein vernichtender, Schrecken erregender Schlag bricht dann das Schicksalsmotiv herein. Aber es geht elegisch weiter und klingt ruhig und traumverloren aus. Auch dieser Satz wurde wieder hervorragend umgesetzt. Das Solohorn (Felix Hüttel) spielte traumhaft, herrlich die Holzbläser, schreckenerregend die Blechbläser beim Schicksalsmotiv. Diese Stelle war so intensiv, dass ich es kaum beschreiben kann: ein überraschender Stoß von einer Klippe in den Abgrund?
Ein zarter Walzer, fast naiv, bestimmt den dritten Satz. Das ist ein verspielter Tanz. Dieser Walzer wird von einem dahinhuschenden Teil unterbrochen, der mich in der Stimmung an Mendelsohns Feenmusik aus dem Sommernachtstraum erinnert. Wie eine Mahnung klingt in den Fagotten das Schicksalsmotiv auf, danach klingt der Satz schnell aus, Schluss mit der Fröhlichkeit. Dieser Satz kann als reine Idylle interpretiert werde, was ich immer für unzureichend halte. In dieser Musik ist doch jederzeit das Dunkle, der Abgrund unter dem Tanzparkett spürbar. Heute hörte ich das, das gefiel mir sehr.
Im vierten Satz geht es aus der Nacht ins Licht. Es beginnt mit dem Schicksalsmotiv, wuchtig instrumentiert, ins hellere Dur gewandet. Hat sich das Schicksal gewendet? Ist das ein Triumph? Die Musik nimmt immer mehr Fahrt auf, leuchtet in den Blechbläsern, wird immer energischer, immer auftrumpfender, bekommt immer mehr helle Farben. In der Mitte des Satzes kommt diese merkwürdige Stelle, in der die Musik kurz den Halt verliert, absinkt, sich in einem Nebel verliert. Über diese Stelle denke ich seit meiner Jugend nach, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Ist das ein auskomponierter, kurzer Ohnmachtsanfall? Aber die Musik reißt sich zusammen, triumphal und fast siegestrunken geht es weiter, richtige Ruhepunkte gibt es nun nicht mehr. Auf einem Paukenwirbel gibt es ein kurzes Innehalten, der Satz endet aber in einer triumphalen Schlusssteigerung, die fast nicht enden will. Ich fasse mich kurz: Schon so oft habe ich diesen Satz als reines Siegesgeheul gehört, so oft wird hier das Eigentliche niedergebügelt. Ja, hier triumphiert scheinbar ein Mensch, aber ist das nicht zweifelhaft? Macht er sich etwas vor? Ist das ein Gefühl des Augenblicks oder hält das an? Diese ständigen Selbstzweifel in der Musk will ich hören, heute hörte ich sie!
Ich liebe diese Sinfonie, sie gehört zu den ersten Werken, die mich in meiner Jugend für die klassische Musik begeistert haben. Ich kenne jeden Ton, habe viele Aufnahmen davon gehört. An diesem Abend gelang für mich eine der besten Interpretationen. Das war genau und präzise, auf den Punkt. Jede Stimmung wurde herausgearbeitet, Gegensätze, Stimmungswechsel und Brüche wurden klar und deutlich sichtbar. Nichts in dieser Sinfonie wurde mit dickem Pathos, übergroßer Sentimentalität und hohlem Triumph zugekleistert. Die Sinfonie wurde als das gezeigt, was sie im Kern ist: Sie ist ein zerrissenes Seelenbild, kein schnulziger Repertoirerenner. Ein Bravo für Dirigent und Orchester, ein Bravo für die vielen Solopartien (Horn! Klarinette! Fagott!). Das war eine Interpretation, die glücklich gemacht hat!
Der riesige Beifall war voll und ganz verdient. Die Musikerinnen und Musiker wurden gefeiert, insbesondere die Solisten. Die Begeisterung steigerte sich zu Jubelstürmen. Francesco Angelico reagierte für mich fast ein bisschen verlegen darauf, kein Grund! Bitte weiter so!
Text und Foto: Achim Riehn
