John Pickering, Tenor, von Freunden und Kollegen nur „Picki“ genannt, ist 80 Jahre alt und „nur original mit Hut“ vorstellbar. Seit Jahrzehnten ist er der Staatsoper Hannover eng verbunden. Er organisiert den Ehemaligenstammtisch der Oper, seine Tochter Emma arbeitet dort als Maskenbildnerin. Es war ein Vergnügen, mit ihm auf sein bewegtes Leben sowie auf Vergangenheit und Gegenwart der Oper Hannover zurückzublicken.

Der Tenor John Pickering im Gespräch mit der GFO. – Foto (c) Achim Riehn
Schon John Pickerings Lebensweg liest sich außergewöhnlich. Der gebürtige Australier
absolvierte zunächst ein Studium der Architektur; Gesang war für ihn zunächst lediglich ein Hobby. Eher aus Freude am Musizieren nahm er 1971 in Melbourne an renommierten Wettbewerben wie der Herald Sun Aria und den Metropolitan Auditions teil – mit überraschendem Erfolg. Prompt erhielt er ein Vertragsangebot des Theaters Pforzheim für die Spielzeit 1973. Die Entscheidung war weitreichend: sicheres Leben als Architekt oder Sprung ins Ungewisse? Die Familie Pickering verkaufte ihr Haus und zog mit ihrer Tochter nach Deutschland. „Mal sehen, wie es geht“, lautete die Devise. Vor seinem ersten Engagement vervollkommnete er seine Ausbildung in München bei dem bedeutenden Tenor und Pädagogen Ernst Haefliger, der ihm über viele Jahre als Mentor verbunden blieb. Nach Pforzheim folgte 1974 ein Engagement in Bielefeld, später kamen Auftritte in Bayreuth hinzu.
„Ich musste nie wieder vorsingen“, erinnert sich Pickering. Es begann eine Karriere an zahlreichen deutschen Bühnen mit Partien wie Ernesto, Tamino, Rodolfo, Pinkerton, Don José und Almaviva in Rossinis „Barbier von Sevilla“. Später verlagerte sich sein Repertoire zunehmend ins Charakterfach, unter anderem als Herodes in „Salome“, als Knusperhexe in „Hänsel und Gretel“ sowie als Altoum in „Turandot“. Nach den prägenden Jahren in Bielefeld – darunter zahlreiche Ausgrabungen und Raritäten mit Regisseur John Dew – folgte von 1983 bis 1987 ein Festengagement an der Staatsoper Hannover. Weitere Stationen waren Leipzig von 1990 bis 1996 sowie das Badische Staatstheater Karlsruhe bis zu seiner Pensionierung.
In Hannover traf Pickering einen alten Freund aus Melbourne wieder: den Bariton Leonard Delany, mit dem er mehrfach gemeinsam auf der Bühne stand. Delany hatte bereits 1957 den Gesangswettbewerb in Melbourne gewonnen, war anschließend nach Deutschland gekommen und wurde zunächst von Georg Solti nach Frankfurt geholt, bevor er 1962 nach Hannover wechselte. Dort blieb er bemerkenswerte 39 Jahre Ensemblemitglied. Am 8. April dieses Jahres starb er im Alter von 94 Jahren in Hannover.
1983 zog die Familie Pickering nach Isernhagen und erwarb dort einen Bauernhof. Seine Frau Jackie, ehemalige Primaballerina in Bielefeld, ließ die Scheune zu einem Ballettsaal umbauen und führte dort über 34 Jahre hinweg die Ballettschule Kirchhorst. Bis heute lebt die Familie dort.
Auch nach seiner Pensionierung blieb Pickering der Oper Hannover verbunden. Seit 2012 stand er wieder regelmäßig als Gast auf der Bühne. Den Anfang machten „Die Teufel von Loudun“, später folgten Gastauftritte in „La Bohème“ zwischen 2023 und 2025 sowie 2025 in „The Greek Passion“ unter der Intendanz von Laura Berman.
In den Ehemaligenstammtisch der Oper „rutschte“ er nach eigener Aussage eher zufällig hinein. Die ehemaligen Ensemblemitglieder Carola Rentz und Rolf Becker nahmen ihn gewissermaßen mit. Bei seiner ersten Teilnahme war gleich der frühere Intendant Hans-Peter Lehmann anwesend. Pickering beschreibt die Runde als „eine richtige kleine Gemeinschaft“. Die Gruppe besteht überwiegend aus ehemaligen Ensemblemitgliedern, steht aber auch anderen Opernfreunden offen. Meist kommen zwischen zwölf und achtzehn Personen zusammen; man trifft sich jeden zweiten Mittwoch, derzeit im Café des Landesmuseums. Beim letzten Treffen waren sogar der Kammersänger Peter Weber und Frau Gabriele Fontana eigens aus Wien angereist. Pickering selbst ist, wie er mit sichtbarer Freude betont, der „Administrator“ des Stammtischs.
Wer nahezu jede Produktion der Oper Hannover über Jahrzehnte verfolgt hat, verfügt naturgemäß über einen reichen Erinnerungsschatz. Auf die Frage nach besonders eindrucksvollen Inszenierungen nennt Pickering sofort zwei Arbeiten von Herbert Wernicke: „Herakles“ und „Lulu“. Ebenso in bester Erinnerung geblieben ist ihm der „Saladin-Rigoletto“ aus den 1980er-Jahren. Doch auch neuere Produktionen beeindruckten ihn nachhaltig, etwa „La Juive“ in der Regie von Lydia Steier, „Rusalka“ in der Regie von Tatjana Gürbaca sowie zuletzt „Die tote Stadt“ in der Inszenierung von Ilaria Lanzino. Einen Wunsch formuliert er dennoch: „Es ist schade, dass so wenig Operette auf die Bühne kommt.“ Gerade dieses Genre habe er stets besonders gern gesungen.
Besonders aufschlussreich waren auch seine Schilderungen des Künstleralltags: „Applaus ist nicht das Wichtigste“, sagt Pickering. Entscheidend sei vielmehr die unmittelbare Reaktion der Zuschauer in den ersten Reihen, denn diese habe man während einer Aufführung ständig im Blick. Lampenfieber habe er nie gekannt. „Aber auf Hochzeiten und Trauerfeiern kann ich nicht singen“, gesteht er. Das sei ihm zu emotional. Stattdessen spielte er dort lieber Trompete – ein Instrument, das er ebenfalls hervorragend beherrscht. Sogar auf der Opernbühne konnte er dieses Talent einsetzen, etwa in „Don Pasquale“ in Karlsruhe sowie später in Hannover und Düsseldorf. „Da hat die Badische Staatskapelle allerdings vorher auf einem Vorspiel bestanden“, erzählt er schmunzelnd.
Mit sämtlichen Intendantinnen und Intendanten der Oper Hannover verstand er sich gut; zu Hans-Peter Lehmann entwickelte sich sogar ein ausgesprochen persönliches Verhältnis. Gute Erinnerungen verbindet er zudem mit Götz Friedrich, dem langjährigen Generalintendanten der Deutschen Oper Berlin. Überhaupt sind seine Kontakte in die Opernwelt bis heute bemerkenswert lebendig. Der australische Tenor Shanul Sharma, Hauptdarsteller der Hannoveraner „Satyagraha“-Produktion, wohnte während der Aufführungsserie bei den Pickerings und besucht die Familie bis heute regelmäßig, wenn er auf Europatournee ist. Dann sucht er gern Rat und künstlerischen Austausch. Ehrenamtliches Gesangscoaching gehört für Pickering ohnehin weiterhin zu den liebsten Beschäftigungen.
Und vermisst er manchmal seinen ursprünglichen Beruf als Architekt? Pickering lacht. Eigentlich nicht. Ganz losgelassen hat ihn das Handwerk dennoch nie. Aus reinem Vergnügen hat er inzwischen 23 Küchen für Freunde, Kollegen und seine vier Töchter entworfen und gebaut. Der einstige Beruf ist heute zum Hobby geworden. Ein passender Schlusspunkt für ein ebenso interessantes wie erfrischendes Gespräch mit einem Künstler, dessen Verbundenheit zur Oper Hannover weit über seine aktive Bühnenlaufbahn hinausreicht.
Ich machte zum Schluss für diesen Bericht noch ein Foto. John Pickering lachte und setzte dazu seinen Hut wieder auf, denn „ohne Hut würden mich die Leute nicht erkennen“, meint er.
Text und Foto: Achim Riehn
