„Romeo und Julia“ und Beethoven sind Themen dieser Saison an der Staatsoper Hannover. Dieses Sinfoniekonzert am 25. Oktober 2026 beleuchtete diese Schwerpunkte aus instrumentaler Sicht. Zwei Betrachtungen des Shakespearestoffs von Joachim Raff und Pjotr Tschaikowski trafen auf die 1. Sinfonie und das Tripelkonzert des jugendlichen Beethoven. Liebe, Leid und Aufbruch, das wäre ein gutes Motto für diesen Konzertabend! Am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters stand der niederländische Dirigent Otto Tausk. Seit 2018 ist er Chefdirigent des Vancouver Symphony Orchestra.
Joachim Raffs Orchestervorspiel zu „Romeo und Julia“ aus dem Jahr 1879 hebt die Kontraste und die romantischen Aspekte der Geschichte hervor. Nach einem fanfarenartigen Auftakt geht es bewegt weiter. Ein dichtes Geflecht von Stimmen und Melodien erzeugt eine Stimmung, die an ein Fest erinnert. Aber es klingt nicht fröhlich, eher unterschwellig bedrohlich. Ein dramatisches, emotionales Geschehen in Musik wird uns dargeboten. In der zweiten Hälfte wandelt sich das in eine verträumte Liebesmusik, bevor ein kurzer, bewegter Schluss folgt.
Das wurde mit Energie gespielt, klar herausgearbeitet. Es ist schön, dass auch mal unbekanntere Stücke der Romantik und Spätromantik auf dem Spielplan stehen. Es gäbe da noch viel zu entdecken.
In Ludwig van Beethovens Tripelkonzert C-Dur aus dem Jahr 1803 hörten wir das Trio Orelon, das aus der Violinistin Judith Stapf, dem Cellisten Arnau Rovira i Bascompte und dem Pianisten Marco Sanna besteht. Gegründet wurde das mehrfach bei renommierten Wettbewerben preisgekrönte Trio 2019 in Köln.
Im melodiösem Tripelkonzert wird für mich einfach ganz frei und gelöst gemeinsam musiziert, ohne verborgenes Programm. Mir fehlt in diesem Konzert immer die Dramatik, aber das ist Ansichtssache. Sehr romantisch, melodiös beginnt es, schwungvoll geht es weiter in der langen Orchestereinleitung des ersten Satzes. Das Cello nimmt die Melodie auf, Violine und Klavier schließen sich. Ganz geradeaus geht dieses gemeinsame Musizieren, dieses gemeinsame Singen der Soloinstrumente unter Begleitung des Orchesters weiter. Ruhige, gesangliche Inseln sind in dieses dahinfließende Musizieren eingestreut. Der zweite Satz ist getragen, melodisch, mit einigen energischen Zuspitzungen. Attacca geht er in den dritten Satz über. Schnell, beschwingt, lebhaft vorantreibend geht die Musik voran, wieder ein gemeinsames Musizieren, ein gemeinsames Singen.
Wie ein dahinfließender Strom aus Melodien wurde diese Musik gespielt. Unendlich zart die Solovioline und das Solocello, fast keck das Klavier. Das Tripelkonzert wird nie zu meinen Beethoven-Favoriten zählen, aber so gefiel mir das. Das Trio Orelon bedankte sich für den Beifall mit einem lebendigen und fröhlichen Allegro von Haydn.
Noch der Pause ging es mit Beethoven weiter. Dessen Sinfonie Nr. 1 C-Dur aus dem Jahr 1799 überraschte die damaligen Hörer schon mit seinem für die Zeit ungewöhnlichen fast dissonanten Beginn. Hier legte ein noch junger Komponist die Grundlagen für ein einzigartiges sinfonisches Gesamtwerk.
Zu Beginn des ersten Satzes sagen die Auftaktakkorde ganz deutlich „Hier bin ich!“. Mit verhaltener Energie geht es voran, entschieden im Ausdruck, mit erhobenen Haupt. Der Satz endet energisch. Ein fast zarter, verhaltener Tanz, das ist der zweite Satz. Es lässt in mir das Bild einer festlichen Gesellschaft in einem eher intimen Kreis entstehen. Beschwingt vorantanzend, voller Energie, das ist der dritte Satz. Die Instrumente tanzen miteinander. Ruhigere Abschnitte sind eingestreut, die wie Zwiegespräche in den Instrumenten klingen. Der vierte Satz beschließt die Sinfonie dann lebhaft. Nach auftrumpfenden Akkorden zu Beginn kehrt kurz Ruhe ein, dann geht es wie in einem Energieausbruch voran. Lebensfroh und optimistisch ist diese Musik, die dann mit einem energischen Schluss endet.
Otto Tausk wählte für diese Sinfonie ein eher gemäßigtes Tempo. Edler Klang, fein herausgearbeitete Details, hörbarer Witz, eine gute Interpretation. Manchmal konnte ich schon die 7. Sinfonie von Beethoven durchklingen hören.
Pjotr Tschaikowski legt den Schwerpunkt in seiner Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ aus dem Jahr 1880, da entstand diese dritte Fassung, auf den Kontrast zwischen dem schicksalhaftem Drama und der aufkeimenden, alles verzehrenden Liebe. Diese Musik ist zutiefst romantisch, die Stimmungen wechseln ständig, wir hören ein Chaos der Gefühle. Zwei Hauptstimmungen sind gegeneinander gestellt. Da ist das Dunkle, Lastende des Beginns, melancholisch und doch romantisch. Dann gibt es die dramatische Gegenstimmung, voller Emotionen. Ausbrüche und Drama wechseln sich mit diesen düsteren Stimmungen ab. Nach einer Beruhigung wird die Musik auf einmal weicher, ist das die Liebe? Aber das Drama kehrt zurück, die Emotionen schaukeln sich immer mehr auf, bis hin zur Katastrophe. Nach einer Generalpause hören wir auf einmal so etwas wie einen Trauermarsch, immer wieder von Pausen unterbrochen, in denen nur das Pochen der Pauken zu hören ist. Ein Choral in den Holzbläsern und Hörnern lässt langsam so etwas wie Licht aufgehen. Die Musik geht ins Überirdische über, verklärt sich immer mehr. Heftige Schlussakkorde lassen den Vorhang über dem Liebesdrama fallen.
Dieses Stück war für mich der Höhepunkt dieses Konzerts. Otto Tausk wählte auch hier in den ruhigen, dunklen Passagen eher gemäßigte Tempi. An den dramatischen Stellen zog er das Tempo dann erheblich an. Die Zuspitzungen dieser Musik wurden so zu emotionalen Ausbrüchen hoher Intensität. Das Orchester ließ diese Musik brennen, jedes Instrument trug dazu bei. Besonders faszinierend spielte das Schlagwerk. In der Reihe vor mir hielt es einen kleinen Jungen fast nicht in seinem Sitz. Hervorragend!
Ein schönes Konzert mit vier ganz unterschiedlichen Werken. Der Beifall des fast ausverkauften Hauses war groß.
Text und Foto: Achim Riehn
