Schüler:innen im Gespräch mit Bodo Busse
Rückblick auf das Intendantentreffen am 5. März 2026 von „Tatort Oper“
Lebhaftes Stimmengewirr erfüllt den Marschnersaal: Nach und nach trudeln die „TatortOper“-Gruppen aus ganz Hannover und Umfeld mit ihren Lehrkräften ein, begrüßen sich, suchen Plätze. Auch Vertreter:innen der Oper sind vor Ort – darunter Mareike Hujo und Matthias Brandt. Schließlich ist der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt.
Pünktlich um 15.30 Uhr betritt Intendant Bodo Busse den Raum, etwas angeschlagen, aber dennoch sehr gespannt auf sein erstes Treffen mit den Schulgruppen als neuer Intendant des Hauses.
Durch das Gespräch führt Theresa Krokauer von der GFO. Im Mittelpunkt des Nachmittags steht das gemeinsame Projekt „Tatort Oper“, bei dem die Schüler:innen in dieser Spielzeit bisher drei von insgesamt sechs Produktionen besucht haben: Die Oper „Don Giovanni“, das Musical „Anything Goes“ und das Ballett „Schwanensee“.
Wie immer haben die Gruppen kreative Anmoderationen sowiezahlreiche Fragen zu den gesehenen Werken an den Intendanten vorbereitet.
Don Giovanni: Wenn Oper auf Live-Malerei trifft
Den Auftakt gestaltet die Tatort Oper-AG der Goetheschule unter Leitung von Frau Woll: In einem kurzen Theaterstück tritt Don Giovanni im schwarzen Umhang auf – und macht Selfies. Währenddessen spiegeln andere Stimmen das Innenleben der Figur: „Frei und ohne Reue“, „ohne Gewissen“, „Ich lebe – nicht für die Ewigkeit, jetzt!“
Im anschließenden Gespräch erklärt Intendant Bodo Busse, wie es zu der ungewöhnlichen Inszenierung kam. Der Regisseur arbeite grundsätzlich gern im Dialog mit anderen Kunstformen und habe deshalb die Idee einer Live-Malerei eingebracht. Schwarz spiele dabei eine zentrale Rolle – als Farbe der verlorenen Unschuld und des Todes.
Über eine Internetrecherche sei schließlich die Künstlerin Annie van Bergen gefunden worden, die bereits ein Bilderbuch zu Don Giovanni gestaltet hatte. Von Beginn an begleitete sie die Proben, fertigte Skizzen an und entwickelte ihre Bildsprache parallel zur szenischen Arbeit. Welche Motive sie zeichnete, blieb dabei bewusst ihre künstlerische Entscheidung. Im zweiten Teil der Oper ändert sich die Maltechnik: Statt im Buch wird direkt auf der Bühne gemalt. Der Grund liegt in der Musik – sie wird langsamer und auch der Malprozess folgt diesem Rhythmus. Am Ende wird Don Giovanni von seiner eigenen dunklen Geschichte überwältigt: Das Böse lässt sich nicht mehr abwaschen. Während der Proben mussten die Farben sogar angepasst werden – sie tropften zunächst zu laut auf den Bühnenboden, weshalb sie dickflüssiger gemacht wurde. Verwendet wurde eine Art abwaschbare Fenstermalfarbe.
Ein Schüler fragte nach dem „besonderen Klavier“, welches zum Einsatz kam. Hier setzte die Produktion auf historische Bezüge: Die Rezitative wurden auf einem Hammerklavier begleitet, um dem Klangbild der Entstehungszeit möglichst nahe zu kommen. Die Musikerimprovisierten dabei frei – eine Praxis, die damals üblich war. Ebenso üblich, wenngleich auch modern zu Mozarts Zeiten, war der Einsatz von Bühnenmusik, also Musiker:innen, die bewusst als Teil der Szene auf der Bühne spielen.
Auf die Frage nach der Wahl der Kostüme antwortete Busse, dass die Kostüme Rokoko-Elemente mit moderner Clubmode verbinden sollten – eine bewusste Aktualisierung, diezeigt: Die Geschichte könnte ebenso gut heute spielen. Einem Schüler fiel auf, dass der Schluss der Inszenierung sehr abrupt ausfiel. Dies sei eine bewusste Entscheidung gewesen, so Busse. Es gibt zwei Enden für das Stück, ein etwas versöhnlicheres und ein offenes, abruptes Ende auf einem Septakkord. Sobald Don Giovanni
verschwunden ist, so Busse, haben alle Figuren etwas verloren. Deshalb entschied sich das Team gegen das versöhnliche Schlussensemble.
Anknüpfend daran stellten die Schüler:innen auch einige allgemeine Fragen. Sie wollten zum Beispiel wissen, wie eng Busse eine Produktion begleite. Da er selbst aus der Dramaturgie kommt, ist er gern von Anfang an dabei und begleitet dramaturgisch. Dabei steht die künstlerische Freiheit im Vordergrund. Außerdem wurde gefragt, wie viel Vorlauf eine Produktion habe. Busse gab zur Antwort, dass es normalerweise einen Vorlauf von einem Jahr gibt. Die finalen Proben laufen nur sechs Wochen lang, Einstudierung und musikalische Probenseien dann schon abgeschlossen. Die Schüler:innen stellen fest, dass ein so langer Vorlaufzusammen mit dem Intendantenwechsel vermutlich schwierig praktisch umzusetzen sei und erkundigten sich deshalb nach der Übergangsphase. Busse antwortete, dass es eine enge Zusammenarbeit mit Laura Berman gegeben habe, die parallel zu seiner damaligen Anstellung in Saarbrücken lief. Dies sei eine anstrengende Zeit gewesen.
Anything Goes: Tanz und Jazz auf hoher See
Mit einer schwungvollen Tanzeinlage zum Finalsong eröffnet die „Tatort Oper“-Gruppe des Georg-Büchner-Gymnasiums unter Leitung von Susanne Gieger den zweiten Teil des Treffens. Das Musical „Anything Goes“ sorgte in dieser Spielzeit für besonders gute Stimmung. Ein großer Teil der Inszenierung entstand durch Improvisation während der Proben.
Das Bühnenbild – ein riesiges Schiff – wird auf einer beweglichen Konstruktion gelagert, die auf der Seitenbühne „geparkt“ werden kann. Statt eines glamourösen Luxusdampfers zeigt die Bühne allerdings ein heruntergekommenes Schiff: Die „MS America“, deren Schriftzug irgendwann erlischt, so dass nur noch „MS erica“ zu lesen ist. Dieser Verfall ist bewusst gewählt und versteht sich als kritischer Blick auf das heutige Amerika.
Auch die Sprachfrage wurde diskutiert. Da das Stück eine Komödie mit viel Text ist, entschiedsich das Team für eine deutsche Fassung – so bleibt die Handlung für das Publikum leichterverständlich. Busse betont, dass es immer eine schwierige Entscheidung sei, ob man en Stück im Original oder in der Übersetzung aufführt. Es hätte auch einige kritische Stimmen gegeben, die sich eine Originalfassung komplett auf Englisch gewünscht hätten. Bei den Kostümen galt das Motto: „Wir plündern mal den Fundus.“ Die Figuren auf der Bühne haben kein Geld, daher sollten ihre Outfits bewusst zusammengewürfelt wirken. Ergänzt wurde dies durch einige neu angefertigte Kostümteile. Auf die Frage, was eine erfolgreiche Produktion ausmacht, antwortet Busse knapp: „Wenn Publikum und Ensemble glücklich sind.
Schwanensee: Eine Geschichte aus der Dunkelheit
Auch das Ballett Schwanensee wird von der „Tatort Oper“-Gruppe der Leibnizschule unter Leitung von Matthias Sagaster kreativ vorgestellt – diesmal mit einer gereimten Reflexion über Rotbarts Geschichte sowie über Gut und Böse.
Die dunklen Kostüme seien bewusst gewählt, erklärt Busse: Die Handlung werde aus dem Bösen heraus entwickelt. Der Kontrast zwischen Nacht und Tag – schwarzer und weißerSchwan – bilde dabei ein zentrales Motiv. Choreograf Goyo Montero gelte ohnehin als „Nachtkünstler“.
Auch die rätselhaften Figuren der Menagerie spielen eine wichtige Rolle. Sie alle stehen für Verwandlungen und Zwischenzustände. Das Einhorn etwa ist halb Mensch, halb Geistwesen –eine Figur zwischen zwei Welten.
Für einen besonderen Effekt sorgte der „Regen“ am Ende des ersten Teils: In Wirklichkeithandelt es sich um kleine Plastikkügelchen, die nicht nur optisch wirken, sondern auch einen speziellen Klang erzeugen. In der Pause werden sie wieder aufgesaugt. Wichtig war, dass die Kügelchen nicht zu weit hüpfen, um nicht im Orchestergraben zu landen. Symbolisch aufgeladen ist auch die Unterwasserszene. Rotbart springt dabei gewissermaßen von einer Existenz in eine andere – ein Bild für das Erwachsenwerden. Die Begegnung mit dem Zauberwesen ist ein magischer Moment, den Rotbart jedoch nicht erträgt. Aus Überforderung tötet er schließlich die Schwäne.
Der Thron erinnerte die Schüler:innen an den Eisernen Thron aus der Serie bzw. den Büchern „Game of Thrones“. Busse antwortet, dass der Thron als Symbol der Tragik Rothbarts bleibt: Dieser ist an seine Rolle gebunden und nicht frei.
Was passiert eigentlich, wenn sich während der Proben zeigt, dass eine Inszenierung nicht funktioniert? Busse antwortet mit einem Augenzwinkern: „Das sollte nicht passieren.“ Und fügt hinzu: „Wenn nichts hilft – Augen zu und durch. Die Freiheit des Scheiterns gehört auch ins Theater.
Gemeinsamer Abschluss
Zum Abschluss des Treffens erhalten die Schulen, die nach vier Jahren aus dem Programmausscheiden, rote Rosen. In diesem Jahr wurden das Gymnasium Bad Nenndorf (Ag-LeitungCarsten Groß), das Gymnasium Lehrte (AG-Leitung Ane Holmer) und die IGS Isernhagen (AG-Leitung Simone Schapals) verabschiedet. Danke an dieser Stelle für euer Engagement in den vergangenen Jahren.
Anschließend stimmen die Schülerinnen und Schüler darüber ab, welche Produktion ihnen am besten gefallen hat. Der klare Favorit: Anything Goes – mit 56 Stimmen. Schließlich greift Intendant Bodo Busse noch einmal selbst ein – er bedankt sich für die vielen tollen Fragen aus der Schülerschaft und auch für die Antworten, die er auf seine Rückfragen nach Kritik an den einzelnen Inszenierungen erhalten hat.
Aus einer Lostrommel zieht er noch die Gewinner:innen von drei Operngutscheinen. Herzlichen Glückwunsch! Anschließend dankt Theresa Krokauer sowohl Matthias Brandt für die großartige Hilfe bei der Organisation und Kommunikation mit der Oper und natürlich dem Intendanten Bodo Busse für die interessanten Einblicke hinter die Kulissen mit bunten Frühlingssträußen. Ein passender Abschluss für einen Nachmittag, an dem Oper, Ballett und Musical einmal ganz aus der Perspektive des jungen Publikums betrachtet wurden!
Schulen, die an TATORT OPER teilnehmen möchten, können sich an Theresa Krokauer per Mail an tatort-oper@gfo-hannover.de wenden.
Bericht: Achim Riehn/Theresa Krokauer
