Dieses sehr schöne Konzert am 22. Februar 2026 könnte man unter das Motto „Verbundenheit“ stellen. Emilie Mayer bewunderte die Werke Goethes, ihre Faust-Ouvertüre beruht auf Goethes bekanntestem Werk. Igor Strawinsky taucht in seinem Ballett „Der Feuervogel“ tief in die Märchenwelt seiner russischen Heimat ein. Antonín Dvořáks Sinfonie Nr. 7 spiegelt seine Identifikation mit seiner böhmischen Heimat wieder, melodienreich und kämpferisch im Ton. Drei ganz unterschiedliche Werke, alle drei aber zutiefst romantisch.

Großer Applaus für die Mitwirkenden des fünften Sinfoniekonzerts. Foto (c) Achim Riehn
Am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters stand diesmal Matthias Foremny, früher GMD am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. Seit über zehn Jahren ist er ständiger Gastdirigent an der Oper Leipzig. Er stand schon am Pult vieler renommierter Orchester, wie z. B. dem Gewandhausorchester, der Staatskapelle Dresden und der NDR Radiophilharmonie Hannover. Er dirigierte das ganze Programm auswendig.
Emilie Mayer (1812–1883) war von der Wiener Klassik sowie von Beethoven beeinflusst, fand aber schnell zu einer eigenen Tonsprache. Gefeiert wurde sie u. a. für ihre Sinfonien. Ihre „Ouvertüre zu Faust“ ist ein Höhepunkt ihres Schaffens. Emilie Mayer zeigt uns Goethes Faust als zerbrochenen Helden. Sie schafft es, in zehn Minuten ganz viele Facetten dieser Gestalt in Musik zu gießen. Diese Ouvertüre ist ein farbenreiches, spannendes, mitreißendes Stück, sie sollte viel öfter auf den Konzertprogrammen stehen.
Düster, bedrückt und grüblerisch ist der Beginn, in sich versunken geht es weiter. Nach einer dramatischen Steigerung folgt ein fast tänzerischer Abschnitt voller Energie. So etwas wie ein königlicher Marsch wird schnell wieder von der tänzerischen Musik abgelöst. Fast kämpferisch werden dann die Motive miteinander verbunden. Der Marsch kehrt wieder und wird von zarteren Tönen abgelöst. Der Schluss ist wieder sehr energisch, aber das Triumphale fehlt für mich jetzt. Dirigent und Orchester gestalteten diese vielschichtige Musik ganz wunderbar. Das Heldische und das Zerrissene wurden so unmittelbar hörbar, sehr gut!
Igor Strawinsky (1882–1971) komponierte 1910 seine unglaublich farbenprächtige Ballettmusik „Der Feuervogel“, Musik an der Schwelle zur Moderne zwischen Romantik und Impressionismus. Drei Suiten wurden später daraus zusammengestellt. Im Jahr 1919 entstand die Populärste, die auch im Konzert erklang. Leise, abgrundtief dunkel, fast mysteriös beginnt die Suite mit der „Introduktion“. Kapriziöse Töne wie von Vögeln sind eingewoben. Dieses vogelartig Kapriziöse wird dann im „Tanz des Feuervogels“ noch gesteigert. Von Farben und von Licht durchglüht ist diese Musik, sie erinnert ein bisschen an den Ravel von „Daphnis und Chloe“. Matthias Foremny ließ hier die Farben leuchten, das war in Musik verwandeltes Feuer.
Der „Reigen der Prinzessin“ ist sehr gesanglich, dieses Stück ist eine lyrische und sanfte Ballade. Im Mittelteil wird es emotionaler, die Musik ist voller instrumentiert. Dann endet es wieder ganz zart in einem nächtlichen Liebeslied. Wunderbar intim spielte das Orchester diese fast an ein Kinderlied erinnernde Musik.
Der Kontrast zum „Höllentanz des König Kastschei“ könnte dann kaum größer sein. Nach einem heftigen, fast gewalttätigen Beginn wandelt sich die Musik in einen bösen Tanz. Ich muss an die „Baba Jaga“ aus den „Bildern einer Ausstellung“ denken. Von zuckenden Farben durchglüht steigert sich das in einen Orkan herein. Eine sich dann aufbauende Steigerung endet in einer Art musikalischem Höllensturz. Besser als das Niedersächsische Staatsorchester unter Matthias Foremny kann man diese Musik kaum spielen. So voller Wildheit, trotzdem klar und durchsichtig, vor Emotionen überkochend, absolut präzise, so muss dieser Höllentanz klingen.
Die „Berceuse“ ist dann wieder ganz ruhig und zart und erinnert an die Musik der Prinzessin. Ein Garten im Mondlicht, so meine Assoziation. Ganz herrlich hier das Hornsolo! Die Morgensonne leuchtet auf im „Finale“, immer heller wird das Licht. Die Suite endet in einer triumphierenden Steigerung, strahlend und positiv. Das war eine begeisternde Darbietung!
Antonín Dvořáks (1841–1904) Sinfonie Nr. 7 d-Moll wurde 1885 in London uraufgeführt. Sie ist düsterer und dramatischer als die meisten Werke des Komponisten. Nicht umsonst gilt d-Moll als die Grabes- und Todestonart („Don Giovanni“). Aber wie immer bei Dvořák ist alles voller Melodien. Auch hier gelangen Orchester und Dirigenten eine schlüssige und beeindruckende Interpretation.
Dunkel und mysteriös beginnt der erste Satz, dramatisch im Ton. Wir hören einen dunklen Kampf, wohnen einem inneren Ringen mit Dämonen bei. Beschwichtigende Töne mildern das Dunkel, für einen Moment wird es zutiefst romantisch. Beide Stimmungen wechseln sich ab , dramatische Steigerungen sind eingewoben. Leise und fast erschöpft endet der Satz. Diese Kontraste arbeiteten Orchester und Dirigent sehr bezwingend heraus.
Der zweite Satz beginnt romantisch und gesanglich. Grüblerische Passagen, dann wieder Romantik, dann Dramatik: all das im Wechsel. Das ist eine nachdenkliche Musik. Ist das ein einsamer Mensch, der über sein Leben nachdenkt? Für mich ist das ein konzentriertes, unpathetisches „Heldenleben“. Ruhig klingt der Satz aus. Das unterschwellig Düstere dieser Musik habe ich selten so deutlich herausgehört wie an diesem Abend.
Der dritte Satz ist tänzerisch und voller Lebensfreude, aber immer mit leicht melancholischem Unterton. Auf einen elegischen Mittelteil folgt ein dramatisches Aufbäumen, dann kehrt der Tanz zurück. Das Drama dominiert den Schluss. Matthias Foremny ließ hier die Musik tanzen, aber leuchtete auch hinein in den Abgrund, sehr schön!
Wieder ein dunkler Beginn erwartet uns im vierten Satz. Kämpferisch, energisch, düster geht es weiter, die Musik dieses Satzes drängt fast ungestüm nach vorn. Kleine Abweichungen ins Tänzerische können sich nicht durchsetzen. Der ganze Satz ist ein Kampf. Nach einer heftigen Steigerung endet der Satz. Es ist ein Sieg, aber ein erschöpfter Sieg.
Nobel und edel wurde dies von Niedersächsischen Staatsorchester unter Matthias Foremny auf die Bühne gebracht. Mit gefielen die schlüssigen Tempi, die jeder Emotion Raum gaben, sich zu entwickeln. Nichts war überhastet, nichts war überdehnt. Eine musikalische Landschaft wurde vor mir ausgebreitet, in der alles seinen richtigen Platz hatte. Perfekt gespielt, gefühlvoll, auf jedes musikalische Motiv konzentriert, alle Kontraste fein herausgearbeitet, das kam einer Idealdarbietung schon sehr nahe. „Ein böhmischer Brahms“, das war meine Assoziation nach diesem Abend.
Der Beifall des Publikums war lang, laut und enthusiastisch. Aber das war auch vollkommen berechtigt. Es war großartig gespielt und dirigiert. Danke für dieses schöne Konzert und die tolle, harmonische Zusammenstellung der Stücke.
Text: Achim Riehn
