„Don Giovanni“: Der Untergang eines Verführers schwarz auf weiß

Diese Neuinszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ ist ein lebendiges, originelles Wunderwerk, toll musiziert und gesungen. Das Bühnenbild wird live während der Vorstellung „gemalt“, das ist spannend, frisch, aufregend. Der Tod blättert durch Don Giovannis Leben und schickt ihn schließlich in die Hölle. Die Vorstellungen sind schnell ausverkauft, zu Recht. Auch am 21. Dezember 2025 feierte das Publikum im ausverkauften Haus dieses Ereignis enthusiastisch.

Schlussapplaus für Orchester und Darsteller:innen von „Don Giovanni“ (c) Achim Riehn

Mozart brachte diese Oper im Jahr 1787 zur Aufführung. Es ist eine der bekanntesten Opern des Repertoires, sie steht unablässig auf den Spielplänen. „Don Giovanni“ erzählt die Geschichte des adligen Verführers Don Giovanni, der rücksichtslos Frauen erobert und dabei keinerlei moralische Grenzen kennt. Zu Beginn versucht Don Giovanni, Donna Anna zu verführen. Dabei wird ihr Vater, der Komtur, im Duell von Don Giovanni getötet. Donna Anna und ihr Verlobter Don Ottavio schwören daraufhin Rache. Don Giovanni wird begleitet von seinem Diener Leporello, der die zahlreichen Eroberungen seines Herrn in seiner Liste festhält. Zu Don Giovannis früheren Opfern gehört Donna Elvira, die ihn liebt, von ihm verlassen wurde und nun zwischen Wut und Eifersucht schwankt. Auf dem Land versucht Don Giovanni außerdem, die junge Zerlina zu verführen, die kurz davorsteht, Masetto zu heiraten. Obwohl Masetto misstrauisch ist, gelingt es Don Giovanni mehrfach, Chaos zu stiften.

Am Ende begegnet Don Giovanni der steinernen Statue des toten Komturs, die ihn zur Umkehr mahnt. Don Giovanni weigert sich, seine Taten zu bereuen, woraufhin der Komtur ihn in die Hölle zieht.

Mozart gelingt es, in der Musik Komik und Tragik ständig miteinander zu verbinden. Jede Figur bekommt eine eigene musikalische Farbe, sodass man ihre Gefühle sofort erkennt. Dadurch wirkt die Oper gleichzeitig unterhaltsam und tiefgründig.

Wie inszeniert man diese vielgespielte Oper so, dass sie frisch und neu wirkt? Regisseur Bastian Kraft wählt einen spektakulären Ansatz und lässt das Bühnenbild während der Vorstellung entstehen. Die Künstlerin Anni von Bergen malt begleitend zum Stück mit schwarzer Tinte auf weißem Papier live. Diese Bilder werden dann auf eine riesige weiße Wand und später auf einen halbdurchsichtigen Vorhang projiziert, die den Raum (Bühne: Peter Baur) nach hinten abgrenzen. Die Zeichnungen kommentieren und visualisieren das Geschehen auf der Bühne. Schwarze Kreuze wachsen in der Friedhofsszene empor, bedrohliche Wölfe erheben sich über den Menschen. Schwarze Farbe gibt den sich für Auftritte öffnenden Türen und Fenstern in der Wand einen Rahmen. Tränen rinnen herab bei Kummer, Farbe wird wild auf das Bild gespritzt, wenn Personen in Wut sind, eine skizzierte Version des berühmtem Gemäldes von Delacroix entsteht, wenn Don Giovanni die Freiheit hochleben lässt.

Ergänzt werden diese gezeichneten Bühnenbilder durch geschickt eingesetzte Videoprojektionen von Jonas Link. Zur Champagnerarie sitzt Don Giovanni in einem Fenster der Wand, ein wahres Feuerwerk aus rotierenden Champagnerflaschen verwandelt die Wand in das Abbild einer rauschenden Orgie. Zur Registerarie von Leporello erscheinen unzählige Namen auf der Wand, verwischt und undeutlich: Die Menschen haben ja für Don Giovanni keine Bedeutung. Die sehr stimmigen Kostüme von Jelena Miletić sind ebenfalls weiß, sie erinnern entfernt an die Entstehungszeit der Oper. Nichts wird zwanghaft in die heutige Zeit geholt. Die Lichtgestaltung von Holger Klede unterstützt das alles einfühlsam.

Kern der Inszenierung ist der Gegensatz von Schwarz und Weiß. Weiß sind Bühne und Kostüme, jedenfalls zuerst. Aber immer mehr schwarze Farbe beschmutzt die Kostüme, taucht auf der weißen Wand auf, Symbol für die Beschmutzung der Unschuld durch Don Giovanni, Symbol auch für den Untergang und den Tod.

Noch tiefere Ebenen der Inszenierung lassen sich finden, indem man sich am Ablauf des Abends orientiert. Das Folgende ist meine Interpretation dieses „Don Giovanni“. Zu Beginn ist die Bühne dunkel, die weiße Projektionswand bildet den Boden. Im Nebel irren Personen über die Bühne, mit Taschenlampen leuchtend, wir erleben den Verführungsversuch an Donna Anna mit. Leporello breitet das Buch mit dem Liebesverzeichnis aus, ein Leporello. Eine der Personen leuchtet mit ihrer Taschenlampe Don Giovanni an, fixiert ihn für einen langen Moment auf der Bühne. Dann reicht sie ihm eine Pistole. Diese Person ist ganz in schwarz gekleidet, in der Farbe des Todes, sie entpuppt sich als die Zeichnerin. Don Giovanni erschießt mit der Pistole den Komtur, der auf der Bühne zusammenbricht. Langsam kippt die Bühne empor, die Leiche rutscht nach unten, hinterlässt eine schwarze Blutspur auf der sonst noch reinweißen Fläche. Der Tod ist in der Bühnenwelt, diese Blutspur ist ab jetzt immer gegenwärtig. Für mich ist die schwarz gekleidete Zeichnerin die Verkörperung des Todes, sie ist der Auslöser von Don Giovannis Verderben. Sie zeichnet in der Folge von der Seite sein Leben nach, begleitet uns durch Don Giovannis letzten Tag. Einer der ersten Dinge auf der Bühne ist der dick gemalte, die ganze Bühne einnehmende Schriftzug „Don Giovanni“. Um ihn geht es an diesem Abend. Wir blättern durch sein Buch des Lebens.

Im zweiten Akt bemalt die Zeichnerin (der Tod) die Projektionswand aus einer hängenden Kanzel heraus. Waren es im ersten Akt Illustrationen der Gedanken der Personen, so sind es nun Ankündigungen des Endes von Don Giovanni. Sie malt ein Alpha und ein Omega, Symbole des Beginns und des Endes. Sie schreibt mitten auf die Wand die Worte „2. Akt“ und macht später daraus die Worte „Letzter Akt“.

Der Schluss der Oper hat es dann wirklich in sich. In der Friedhofsszene erscheint die Statue des Komtur oben über der Wand, eine dunkel gekleidete Gestalt. Er ist ein Bestandteil des Todes, nichts von Weiß ist an ihm. Don Giovanni isst beim Gastmahl Speisen in schwarzer Farbe, nichts ist mehr von weißer Unschuld da. Der Komtur erscheint, aber Don Giovanni bereut nichts. Oben auf der Projektionsfläche steht der Tod (die Zeichnerin) und kippt schwarze Farbe herab, die wie dunkle Tränen herabrinnt. Zur Höllenfahrt hebt sie ihre Hände und die Fläche kippt nach vorn, langsam, und wird so zur Grabplatte über dem in der Hölle verschwindenden Don Giovanni. Hinter der Fläche wird eine zweite Wand sichtbar, mit Kammern darin. Ich sah einen Kinderwagen, einen Koffer, ich sah die anderen Personen des Abends. Vielleicht zeigt dieses Bild, was mit den Personen der Geschichte geschehen wäre, wenn es Don Giovanni nicht gegeben hätte.

Wir sahen den letzten Tag des Don Giovanni, der mit einem Tod beginnt und der mit einem Tod endet. Wir bekommen erzählt, das offenbar bisher Don Giovanni alles gelungen ist, aber an diesem Tag gelingt nichts mehr. Seine Geschichte ist abgeschlossen worden. Der Tod hat Don Giovanni geholt, die Geschichte ist beendet. Folgerichtig wird auf den moralgetränkten Schlussgesang der Oper verzichtet, der auch nicht richtig gepasst hätte.

Vor einiger Zeit habe ich die hervorragende Serie „Der Untergang des Hauses Usher“ von Mike Flanagan gesehen. Diese Serie könnte die Inszenierung beeinflusst haben. Dort schließen zwei Personen einen Handel mit dem Tod, der in Gestalt einer schwarz gekleideten Frau auftaucht. Sie bekommen alles in ihrem Leben, was sie sich erträumen. Sie müssen aber dafür bezahlen: Alle ihre Nachkommen werden vor ihnen sterben. Diese Inszenierung des Don Giovanni ist für mich auch so ein Handel mit dem Tod. An diesem letzten Tag fordert der Tod seinen Preis. Der Tod gibt Don Giovanni die Pistole, die die Spirale in den Untergang auslöst. Don Giovanni bekam alles, was er sich wünscht – so lange er niemanden tötet. Mit dem Mord ist der Handel beendet, und der Tod holt Don Giovanni ab.

Die Gesangsleistungen waren ebenso wie die darstellerischen Leistungen ganz großartig, es gab berechtigt viel Szenenapplaus. Matteo Guerzè war ein jugendlicher Verführer mit Schmelz in der tollen, ausdrucksvollen Stimme, ein Latin Lover aus dem Bilderbuch. In Serhii Moskalchuk als Leporello hatte er einen herrlich intriganten, komischen Begleiter, der seine Kommentare mit beweglicher, klarer Stimme abgab. Für den kurzfristig erkrankten Daniel Eggert war SungJun Cho vom Staatstheater Braunschweig eingesprungen, der den Kontur mit der notwendigen Wucht ausstattete. Lyrisch schön und schmachtend gelang der Don Ottavio von SeungJick Kim. Marie-Pierre Roy als Donna Anna und Cassandra Doyle als Donna Elvira zeigten wunderbar das ganze Stimmspektrum zwischen Lyrik und Wut, mit leuchtenden Stimmen, immer präzise. Ketevan Chuntishvili als leichtlebige, lebenslustige Zerlina und Yannick Spanier als tapsiger Masetto machten stimmlich und darstellerisch den tollen Abend komplett. Der Chor unter der Leitung von Lorenzo Da Rio hatte nur einen kleinen Auftritt, präzise und gut wie immer.

Das klein besetzte Niedersächsische Staatsorchester unter der Leitung von Mario Hartmuth legte den Sängerinnen und Sängern einen wunderbaren Musikteppich zu Füßen. Da war nichts aufdringlich, alles war präzise auf den Punkt, alles im Dienste des Geschehens auf der Bühne. Das Orchester als Partner der Bühne, so muss das sein. Lyrik und Dramatik, alles passte. Zu Recht wurde das zum Schluss bejubelt. Viel Beifall gab es auch für Anni von Bergen, die mit ihren wunderbaren, dahingetuschten Zeichnungen ganz stark zum Zauber dieses Abends beitrug.

Mein Fazit fällt kurz aus: unbedingt ansehen und anhören. Die Inszenierung respektiert das Original und ist doch erfrischend neu. Das ist originell, abwechslungsreich und tiefsinnig, dazu toll musiziert und gesungen. Diesen „Don Giovanni“ muss man sehen! Falls man noch Karten bekommt natürlich. Ich würde nicht zu lange mit einem Kauf waren.

Text: Achim Riehn

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