Im 6. Sinfoniekonzert am 22. März 2026 stand die 6. Sinfonie von Gustav Mahler auf dem Programm. Mit einer hochklassigen Interpretation zog mich das Niedersächsische Staatsorchester unter der Leitung von Stephan Zilias in seinen Bann. Ich erlebte ein zu herzzerreißender Musik gewordenes Welt- und Seelengebäude aus Kampf, Leid und Hoffnung. Ich hörte eine vor Energie berstende Musik, innerlich und fast überirdisch im langsamen Satz, wild und außer sich in den anderen Sätzen.

Applaus für das Niedersächsische Staatsorchester nach dem sechsten Sinfoniekonzert der Spielzeit 2025/26. – Foto (c) Achim Riehn
Gustav Mahlers 6. Sinfonie in a-Moll entstand 1903 und 1904. Sie ist unter Mahlers Sinfonien die dunkelste, thematisiert vielleicht den Kampf mit dem Schicksal. Im letzten Satz kommt ein großer Holzhammer zum Einsatz, der Schicksalsschläge symbolisiert. Das Orchester ist riesig besetzt, das Schlagwerk ist erweitert, Celesta und Kuhglocken kommen zum Einsatz. Später bekam diese neunzigminütige Sinfonie den Beinamen „Tragische“, der aber nicht direkt von Mahler stammt.
Mit einem dramatischen Marschrhythmus beginnt der erste Satz, vorwärtsdrängend, unerbittlich. Diese Stimmung wird im Verlauf der Sinfonie immer wieder auftauchen. Dann ertönt das „Schicksalsmotiv“ mit seiner charakteristischen Dur-Moll-Wendung zum ersten Mal, auch es wird sich wie eine dunkle Erinnerung immer wieder in der Musik erheben. Eine fast schwärmerische, schwerblütige Passage folgt, dann setzt sich wieder der Marsch durch. Nur kurz gibt es Aufhellungen: Celesta und Kuhglocken beschwören eine fast jenseitige Idylle, eine Vision einer anderen Welt. Aber schnell dominiert wieder die angstgetriebene Dramatik des Marschs.
Von der ersten Sekunde an zog mich diese Musik in der Interpretation des Orchesters unter Stephan Zilias in ihren Bann. Der Marschrhythmus signalisierte von Anfang an, dass hier jemand den Kampf mit dem Leben aufnimmt, trotzig, ohne Kompromisse, gegen alle Widerstände.
Mahler war selbst im Zweifel darüber, in welcher Reihenfolge die Mittelsätze gespielt werden sollten. An diesem Abend hörten wir das Scherzo an zweiter Stelle, das stimmungsmäßig an den ersten Satz anschließt. Heftig beginnt es, der Marschrhythmus ist wieder da. Die Musik wird dann tänzerischer, aber das ist ins Groteske gedreht, spukhaft, dämonisch. Alma Mahler sprach hier von spielenden Kindern, aber das sind für mich dann Dämonenkinder. Immer pocht im Hintergrund der Marsch. Zum Schluss des Satzes verdämmert die Musik.
Im zweiten Satz ging der Kampf weiter. Stephan Zilias verstand es meisterhaft, den Kampf und den Trotz immer stärker mit so etwas wie Sarkasmus zu hinterlegen. Für mich war das ganz klar keine Wiederholung der Stimmungen des ersten Satzes, hier löste sich das alles gleichsam langsam in Säure auf. Sehr gut!
Der langsame dritte Satz beginnt idyllisch, wir hören eine in sich versunkene Träumerei. So etwas wie weitgeschwungener Vogelgesang erklingt darüber. Die Musik blüht schwärmerisch auf, wird sehr romantisch. Nach einem emotionalen Aufschwung endet der Satz zart. Dieser Satz sagt mir, dass es in all diesem Dunkel doch so etwas wie Hoffnung und Frieden gibt.
Dieser langsame Satz klang dann wirklich in dieser Interpretation wie eine andere Welt! Eben noch Kampf und Verzweiflung, jetzt auf einmal eine himmlische, jenseitige, in sich versunkene Idylle. Das Böse auf einmal weit weg, man konnte es kaum fassen. Selten habe ich den Kontrast dieses Satzes zum Rest der Sinfonie so deutlich und fast schmerzlich empfunden!
Der Schlusssatz ist 30 Minuten lang, so lang wie sonst ganze Sinfonien. Er ist auch so komplex wie eine ganze Sinfonie. Seine Stimmungen sind schwer zu beschreiben. Aufrauschende Harfen eröffnen den Satz, das ist ein Eingangsportal aus Musik. Dunkel und geheimnisvoll geht es weiter. Dies ist eine mitternächtlich dunkle Musik. Die Entwicklung führt hin zu einem sich steigernden Choral. Viele Stimmungen wechseln sich ab, der Marschrhythmus kommt wieder. Ruhigere Passagen sind eingebettet, es sind zerbrechliche Idyllen mit bedrohlichen Untertönen. Eine aufgewühlte Steigerung führt hin zum ersten Hammerschlag, die Musik gleitet hinein in eine Katastrophe ohne Halt.
Nach kurzer Beruhigung wird die Musik immer erregter, aufgeregter. Es ist Musik ohne innere Ruhe, es ist Musik, die von innen heraus zerbirst, die auseinanderbricht. In diese Katastrophenmusik bricht der zweite Hammerschlag herein, beendet sie aber nicht. Ein aufgewühltes Meer der Angst, so meine Assoziation. Das ist eine Welt ohne Gott. Das Eingangsportal der Harfen erscheint wieder, Erschöpfung folgt. Wieder kommen wir in eine dunkle Mitternacht mit Kuhglocken, eine Pseudoidylle. Nach einer emotional aufgewühlten Steigerung mit dem „Schicksalsmotiv“ bricht die Musik zusammen. Eine Art Bläserchoral folgt, eine fast resignierende Musik, der Kampf geht hoffnungslos zu Ende. Ein heftiger Schlussakkord erklingt, wie das Zuschlagen eines Sargdeckels.
Ich kann kaum in Worte fassen, wie gut hier gespielt wurde! Das war kämpferisch, glühend, wild, kochend, zerberstend, bebend. Im Nachgespräch sagte Stephan Zilias, dass es in einer Interpretation dieser Sinfonie nicht auf exaktes Buchstabieren ankommt. Es kommt darauf an, alles herauszulassen. So war es hier, die Musikerinnen und Musiker ließen ihre Seele heraus, das war ein glühender Feuersturm.
Gespielt wurde an diesem Abend ganz wunderbar. Eigentlich müsste ich jedes Orchestermitglied hervorheben, aber das würde zu lang. Grandiose Holz- und Blechbläser, tolle Hörner mit wunderbaren Soli, ergreifendes Solo der Tuba, Harfen glühend und endlich einmal nicht nur wie Beiwerk klingend, wunderbare Streicher, präzises Schlagwerk, zwei erschreckende Hammerschläge, einfach toll! Wenn ich jetzt jemand vergessen habe, dann ist das mein Fehler. Jubelnder Beifall mit Standing Ovations des ausverkauften Hauses, mehr als verdient! Ein Bravo zudem für die Konzerteinführung von Arno Lücker, auch diesmal ein Gewinn.
Text: Achim Riehn
