„Die tote Stadt“: visuell faszinierend, psychologisch feinsinnig, musikalisch ganz groß

Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ wurde noch nie in Hannover auf die Opernbühne gebracht, kaum zu glauben bei so einer glutvollen und wirkmächtigen Musik! Die Thematik ist dazu zeitlos: Wie bewältigen wir Trauer, die uns verzehrt und nicht mehr richtig leben lässt? Können wir das Vergangene wieder aufleben lassen oder ist dieses Verlangen ein Irrweg?

Jede Menge Applaus für die Mitwirkenden der Oper „Die tote Stadt“. – Foto (c) Achim Riehn

In der visuell beeindruckenden, psychologisch feinsinnigen Inszenierung von Ilaria Lanzino wurde dies nun zu einem gefeierten Ereignis. Auch musikalisch war das am 23. Mai 2026 ein ganz großer Abend. Das Niedersächsische Staatsorchester unter Gabriel Venzago ließ diese Musik in allen Farben strahlen. Auf höchstem Niveau wurde gesungen, wunderbar. Außerordentlich Mirko Roschkowski und Kiandra Howarth in den mörderisch schweren Hauptrollen des Paul und der Marietta. Hingehen, nicht versäumen!

Erich Wolfgang Korngold war ein musikalisches Wunderkind. Als sein Meisterwerk „Die tote Stadt“ im Jahr 1920 uraufgeführt wurde, war er 23 Jahre alt. Die Oper gehörte in den Jahren danach zu den meist aufgeführten Opern im deutschsprachigen Raum. In der Nazizeit emigrierte der aus einer jüdischen Familie stammende Korngold in die USA, wo er als einer der erfolgreichsten Filmmusikkomponisten arbeitete. Seine Oper wurde von den Spielplänen verbannt. In der Nachkriegszeit wurde die spätromantische Oper ignoriert. Erst 1983 wurde sie durch Götz Friedrich an der Deutschen Oper Berlin wiedererweckt und trat dann erneut ihren Siegeszug über die Bühnen an. Das Werk ist von der Psychoanalyse geprägt, es ist eine musikalische Trauerarbeit. Korngold mischt die Genres, Elemente aus der Operette mischen sich in eine dramatische Oper hinein.

Der Inhalt der Oper erinnert von fern an Hitchcocks „Vertigo“. Nach dem Tod seiner Frau Marie führt Paul ein von Trauer erfülltes, zurückgezogenes Leben. Kontakt besteht nur zu seiner Haushälterin Brigitta und zu seinem Freund Frank. Ein Zimmer seiner Wohnung hat er in eine Art Gedenkstätte für seine tote Frau umgewandelt. Eines Tages begegnet er auf der Straße der Tänzerin Marietta, die seiner Frau verblüffend ähnlich sieht. Marietta ist eine lebenslustige Sängerin, die mit einer Gauklertruppe durch die Lande zieht. Paul versucht, Marietta immer mehr in ein Ebenbild von Marie umzuformen. Realität und Traum kann er immer weniger unterscheiden. Marietta spielt erst mit, aber weigert sich dann, ihre eigene Freiheit so eingrenzen zu lassen. Sie verspottet die Gedenkstätte an Marie. Paul bringt sie daraufhin um. Dann erwacht er, es war nur ein schrecklicher Traum. Paul kann seine Trauer hinter sich lassen und die tote Stadt Brügge zusammen mit Frank verlassen.

Die Musik spiegelt die verzweifelte Welt Pauls wieder, ist ein Echo seiner Seele – ein auskomponierter Zustand des Wahnsinns. Sinfonische und operettenhafte Elemente sind ineinander verwoben, Leitmotive durchziehen die Musik. Das ist ein glutvoller, leuchtender, schwelgerischer, manchmal fast irrlichternder Klangteppich. Ganz zarte, intime Passagen wechseln sich mit Stellen höchster Erregung ab. Diese Musik ist ein Echo des Lebens von Marie und Paul, verwoben mit der Verzweiflung, die Paul nun verspürt.

Regisseurin Ilaria Lanzino arbeitet in ihrer Inszenierung den psychologischen Inhalt des Librettos heraus, der sich auch in der vielgestaltigen Musik wiederspiegelt. Sie entfernt sich dabei nicht weit vom Text, sondern treibt das darin Angelegte nur auf die Spitze. Für die Regisseurin existiert die Trennung zwischen Marie und Marietta nicht, es sind für sie zwei Aspekte einer Person.

Marie hat sich bei Ilaria Lanzino umgebracht, warum taucht nun Marietta auf? Paul entdeckt durch sie die unbekannten Seiten von Marie, sie ist der Zugang zur Welt der Verstorbenen. Sie ist der Schlüssel zur Bewältigung der Trauer. Marietta gibt Paul Maries Tagebuch, das Tor zur Vergangenheit und zur Wahrheit. Das Lied „Glück das mir verblieb“ wird zum Auslöser der Reise in die Welt der Toten. Paul erfährt Geschichten aus ihrer Vergangenheit und entdeckt dabei ihr Inneres. Marietta verkörpert dabei alle unbekannten Aspekte von Marie: Marie war die Heilige, Marietta ist das Verführerische, das Erotische, das Künstlerische. Marietta konfrontiert Paul mit seinem eigenen Versagen und seiner Reue.

Paul aber kann die Seiten Maries/Mariettas nicht miteinander verbinden. Für ihn ist dies eine fundamentale Erschütterung, er akzeptiert das nicht, er versucht das zu verdrängen. Die von Marietta ausgelösten Einblicke in das Wesen Maries prallen zusammen mit dem, an was sich Paul erinnern will, Marie die Heilige, die Trauerfeier für eine Heilige. Die von ihm nicht gesehenen Aspekte Maries brechen sich Bahn wie in einem Alptraum, hinein in seine Erinnerungen.

Das Bühnenbild ist der Erinnerungsraum von Paul, mit Bildern von Marie. Durch Marietta öffnet sich eine neue Welt, der „Seelenraum“ von Marie/Marietta. Paul findet erst einen Grund zum Leben, als er den tiefsten Punkt erreicht hat und gelernt hat, mit seinem eigenen Versagen umzugehen. Marie „ist eine komplexe Künstlerin und eine komplexe Frau, die sich das Leben genommen hat – und Paul sucht nach Antworten, wer sie wirklich war“, so fasst Ilaria Lanzino ihren Ansatz zusammen.

Die Feinheiten der Inszenierung kann ich am besten erläutern, wenn ich den Ablauf des Abends auf der Bühne schildere. Als wir als Publikum den Zuschauerraum betraten, war der Bühnenvorhang bereits aufgegangen. Wir schauten herein in das Gedenkzimmer für Marie, einen leeren Raum mit Wänden, die als Projektionsflächen dienten. Rechts stand eine Badewanne, davor ein Blumenstrauß und Kerzen. Paul lief über die Bühne, kniete vor den Blumen, machte einen verzweifelten Eindruck. Offensichtlich hatte sich Marie in dieser Badewanne umgebracht.

Sein Freund Frank kommt hinzu, die rationale, sich sorgende Stimme der Vernunft. Ebenso wie Brigitta sorgt er sich um Paul. Ein kleines Kind ist dabei, offenbar das Kind von Paul und Marie. Es klammert sich an Brigitta, sein Vater beachtet es in seiner Verzweiflung nicht.

Auf den Projektionswänden sehen wir so etwas wir eine Diashow von Marie, ineinander gleitende Fotos in schwarzweiß. Auch später sind die Videos von Max Schweder sehr beeindruckend. Immer sieht Marie auf diesen Fotos glücklich aus, offenbar sieht Paul sie genau so. Für ihn gab und gibt es nur die Idylle mit einer Marie in weiß.

Das ändert sich, als Marietta die Bühne betritt, in einem schwarzen Paillettenkleid, Marie so ähnlich und doch so anders. Als sie zusammen mit Paul das „Glück das mir verblieb“ anstimmt, öffnet sich das Rund des Gedenkzimmers. Wir schauen hinein in eine schwarze Welt, mit von Pflanzen überwucherten Möbeln, mit verkohltem Interieur. Die Videos im Hintergrund zeigen eine düstere graue Sumpfwelt, die später in Flammen aufgeht, die Kopf steht. Diese Innenwelt von Marie ist so anders als das weiße Glück! Nach und nach sehen wir in diesem toten Zimmer den fortschreitenden Zerfall des Lebens von Marie, Druck in der Kindheit, Streit in der Ehe, Pauls Geliebte, Alkoholismus, Frank als Halt in der Dunkelheit. Das Bühnenbild von Martin Hickmann setzt dies bewegend um.

Ab dem zweiten Akt wird es turbulenter, albtraumartiger. Die Gauklertruppe von Marietta bricht in diese überwucherte, dunkle Welt ein, bringt Leben und Farbe mit ihren bunten, fast leuchtenden Kostümen (von Vanessa Rust) herein. Entfernt erinnern die Kostüme der Gauklertruppe an das Kostüm von Marietta, auch die Gaukler sind Abspaltungen von Marietta. Immer mehr Versionen von Marietta tauchen auf, Gespenster mit blonden Haaren und schwarzen Paillettenkleidern. Immer mehr Aspekte der Persönlichkeit der Verstorbenen kommen so zum Vorschein.

Bühne des dritten Aktes ist eine Erinnerung an Maries Trauerfeier, dazu erklingt die Musik des Prozessionszugs von der Straße. Paul wird immer mehr zerrieben zwischen diesen ganzen Aspekten von Marie, die um die Vorherrschaft zu kämpfen scheinen. Die Visionen werden immer albtraumhafter, werden immer chaotischer. Am Schluss sind selbst der Chor und der Kinderchor lauter Abbilder. Marietta selbst wird ständig von zwei jüngeren Versionen von sich begleitet, Symbolen ihrer Kindheit und Jugend. Hier schafft die überbordende Phantasie der Inszenierung fast zu viele Bilder auf einmal, aber das ist nur ein kleiner Kritikpunkt, eine persönliche Meinung.

Anders als im Libretto tötet Paul am Schluss Marietta nicht, er bringt sich selbst in der Badewanne um. „Jetzt gleiche ich ihr ganz“, singt er, im Original heißt es „Jetzt gleichet sie ihr ganz“. Mit dieser fast unmerklichen Textänderung wird dieser Albtraum passend abgeschlossen.

Der Vorhang geht kurz zu. Danach sehen wir wieder den „normalen“ Raum des Beginns. Das Dunkle, Unbekannte ist verschwunden. Paul kommt zu sich, alles war nur ein Traum. Vielleicht kann er jetzt wirklich mit seiner Trauer abschließen und die Stadt mit Frank verlassen. Zu den verdämmernden Schlusstakten der Musik sind nur noch das Kind und Marie auf der sich verdunkelnden Bühne. Über den ganzen Raum hinweg sehen sie sich an. In der Erinnerung des Kindes wird die Mutter weiterleben.

Musikalisch war das ein herausragender Abend. Das Niedersächsische Staatsorchester unter Gabriel Venzago brachte alle Facetten dieser vielgestaltigen, glühenden und abwechslungsreichen Musik zum Strahlen. Fein in den Details und gleichzeitig immer die großen Bögen der Musik im Blick, das war beeindruckend. Rauschhafte Tuttipassagen, ganz feine leise Stellen, das leuchtete, das strahlte. Nie wurden dabei die Sängerinnen und Sänger weggespült, das war immer eine fein gezeichnete Unterstützung des Gesangs.

Die Solistinnen und Solisten waren fast komplett aus dem Ensemble besetzt, allein das schon zeigt die Qualität der hannoverschen Oper. Großartiges wurde uns an diesem Abend geboten. Das galt insbesondere für die beiden mörderisch schweren Hauptpartien.

Mirko Roschkowski gab als Gast sein Rollendebut als Paul. Fast andauernd steht er auf der Bühne, fast ununterbrochen muss er singen und agieren. Mit seiner geschmeidigen, eleganten Stimme war er den Anforderungen jederzeit gewachsen. Mühelos in den Höhen, leuchtend, sehr gut sowohl in den leisen, zarten Passagen als auch in den Gefühlsausbrüchen, nie musste man um seine Stimme Angst haben.

Kiandra Howarth gab als Marie/Marietta ebenfalls ihr Rollendebut. Wunderbar klar in den Höhen, frei von schrillen Tönen, fließend, gleißend, strahlend, das war großartig. Blitzschnell konnte sie zwischen den verschiedenen Aspekten der Marie und der Marietta wechseln, auch darstellerisch hervorragend. Neben den wie selbstverständlich dahinströmenden hohen Tönen beeindruckte sie auch mit wunderbar warm klingenden Tiefen.

Die Nebenrollen waren ebenfalls großartig besetzt. Peter Schöne hat einen vollen, klangreichen Bariton, jeder Ton flutete über das Orchester hinweg. Ihm zur Seite Anthea Barać als Brigitta, genauso voll und wohlklingend im Ton, ein klangvoller Alt, wunderbar. Ich freue mich auf jede weitere Rolle dieser Beiden.

Auch die Besetzung der Gauklertruppe kann ich nur als luxuriös bezeichnen. Max Dollinger sang sein „Mein Sehnen, mein Wähnen“ klangschön und mit viel Gefühl, fern von Operettensentimentalität. Genauso beeindruckend Julia Sturzlbaum, Cassandra Doyle, Michal Prószyński und Uwe Gottswinter als die weiteren Künstlerkollegen. Jede und jeder für mich jederzeit für große Rollen geeignet!

Chor und Kinderchor beeindruckten mich ebenfalls, das hatte große Klasse. Ein Bravo auch an die Statisterie.

Eine feinsinnige, überbordende Inszenierung, tolles Bühnenbild, passende Kostüme, dazu grandiose musikalische Leistungen – was will man mehr. Der Beifall war verdient sehr groß. Das ist ein Ereignis, das einen Besuch in jeder Sekunde lohnt. Es gibt nur noch wenige Termine: Nichts wie hin! Es wird ein großartiger Abend werden, der im Gedächtnis bleiben wird.

Text: Achim Riehn

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