„Anything Goes“: Schwungvolle Unterhaltung gewürzt mit einer Prise Ironie

Vergnüglich, schwungvoll, komisch, rasant, spritzig: So ist „Anything Goes“ von Cole Porter an der Oper Hannover! Toll gesungen, gespielt und getanzt, das macht wirklich Spaß. Dieses Musical an der Staatsoper Hannover ist ein begeistert gefeierter Renner mit quirligen Tanzszenen, zündenden Melodien und flotten Aktionen auf der Bühne. Das ist Unterhaltung pur, aber mit einem leicht ironischem Unterton. Das Publikum am 8. Februar jubelte lange und frenetisch.

Großer Applaus für „Anything goes“. Foto (c) Achim Riehn

„Anything Goes“ ist eine Musical Comedy mit Musik und Gesangstexten von Cole Porter, das Buch stammt von Guy Bolton und P. G. Wodehouse. Die Uraufführung fand 1934 in New York statt. Cole Porter hat eine mitreißende und sehr eingängige Musik geschrieben. Songs aus dem Musical wie „I get a kick out of you“ und „You’re the top“ sind zu Klassikern geworden.

Die Handlung ist kompliziert und schwer zusammenzufassen. Aber auf Handlung kommt es hier auch nicht so an. Ein Luxusdampfer ist auf dem Weg von New York nach London. Unter den Passagieren nimmt das Chaos seinen Lauf. Billy Crocker, Assistent des Börsenmillionärs Elisha Whitney, liebt Hope Harcourt, die auf Drängen ihrer verarmten Mutter Evangeline den reichen englischen Lord Evelyn Oakleigh heiraten soll. Dazu kommt noch die aufreizende Nachtclubsängerin Reno Sweeney, die auch Interessen an Billy hat, ihrem platonischen Freund. Dann gibt es noch weitere Mitreisende, einen Pastor, einen Barkeeper, kleinkriminelle Hütchenspieler, den Ganoven Moonface („Staatsfeind Nr. 13“) und seine Ganovenbraut Erma, beide auf der Flucht, einen grummeligen Kapitän, einen eifrigen Chefstewart, vier Showgirls und ein Matrosenquartett. Nach vielen romantischen, witzigen und komplizierten Verwicklungen geht dann die Geschichte ihrem Happy Ende entgegen, gekrönt durch eine improvisierte Mehrfachhochzeit. Billy bekommt Hope, Reno den Lord, Evangeline den megareichen Elisha. Viele Personen, viele Beziehungen untereinander, im ersten Teil muss das alles für das Publikum greifbar gemacht werden. Es gibt daher da viel Text und weniger Musik. Im zweiten Teil ist das genau andersherum. Ich fand das aber nicht störend.

Fast 100 Jahre alt ist dieses Musical, es ist Unterhaltung mit schöner Musik zu einer leichten, komödiantischen Handlung. Wie kann das inszeniert werden, damit es es auch heute noch interessiert?

Regisseurin Adriana Altaras wählt dazu einen interessanten Ansatz. Ihr Luxusdampfer „MS America“ ist in der Inszenierung mächtig in die Jahre gekommen, Farbe ist abgeblättert, alles macht einen morschen Eindruck. Laut der Regisseurin steht dieses Schiff für das, was Amerika einst war und zu was es jetzt geworden ist. Und so ist dieses Musical auch nicht mehr das, was es einst war. Diese zweite, nachdenkliche Ebene ist aber nicht aufdringlich und plakativ inszeniert. Es ist möglich, die pure Unterhaltung zu genießen und den Untergrund nicht zu bemerken.

Wer allerdings ein etwas feineres Gespür hat, wird diese fast etwas traurige, bittersüße Ebene durchaus registrieren. Auf dieser zweiten Ebene ist dies ein Stück über gesellschaftlichen Verfall, eine Gesellschaft neben der Spur, mit fragwürdigen Werten. Wenn Gangster wie Stars angehimmelt werden, dann wird man wirklich an die nicht nur amerikanische Gegenwart erinnert. Die tolle Personenführung und die abwechslungsreiche, schwungvolle Choreografie von Bart De Clercq schaffen es sehr gut, diese Ebenen miteinander zu verbinden. Das waren schon Tanzszenen, die die Bühne fast in Flammen setzten, so wie im Finale des ersten Aktes.

Das Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter unterstützt dieses Konzept sehr eindrücklich. Das auf der Bühne gezeigte Deck des Schiffes mit Schornstein und Bar ist abgewrackt, heruntergekommen. Nichts mehr von Luxus ist zu sehen, alles hat bessere Tage hinter sich. Aber es bleibt genug Platz für das turbulente Geschehen. Toll auch der halbrunde Hintergrund, auf dem sich das Meer rings um das Schiff wiederfindet, mal mit leuchtendem Abendrot, mal im Sturm schwankend. Die Kostüme dazu sind bunt und farbenfroh, ein schöner Kontrast zum verrottendem Schiff. Die Gesellschaft versucht, wenigstens nach außen hin noch Farbe zu zeigen. Die Lichtregie von Fabian Grohmann unterstützt das alles behutsam und präzise.

Musikalisch und darstellerisch war das ein Abend auf hohem Niveau. Die aus aus dem Niedersächsischen Staatsorchester gebildete Band, vorwiegend mit Bläsern und Schlagwerk besetzt, spielte unter der Leitung von Piotr Jaworsky klar, auf den Punkt, mit Schwung. Flotte Tanzstücke, ruhigere Passagen, alles passte und swingte.

Besetzt war das mit einer gut harmonierenden Mischung aus Musicaldarstellerinnen und -darstellern sowie Mitgliedern des Opernensembles. Mit spürbarer Spielfreude trugen sie uns durch diesen Abend.

Bettina Mönch war für mich als Nachtclubsängerin Reno Sweeney eine Idealbesetzung. Mit starker Ausstrahlung, kraftvoller Musicalstimme und Eleganz in den Tanzszenen konnte sie alle Facetten dieser vielschichtigen Rolle ausspielen, sie zeigte glaubhaft Coolness und doch eine Art Verletzlichkeit. Christof Messner spielte und sang den Billy Crocker mit jungenhaftem Charme und schöner, sehnsuchtsvoller Stimme, köstlich in seinen vielen Verkleidungen. Es ließ sich nachvollziehen, dass die beiden Hauptdarstellerinnen zu ihm hingezogen wurden.

Julia Sturzlbaum sang die liebessehnsüchtige Hope mit klarem, warmen Sopran, jederzeit glaubhaft in der Rolle. Wunderbar gelang es ihr, diese Musicalrolle mit einigen funkelnden Opernglanzlichtern zu überziehen. Max Dollinger konnte als Lord Evelyn all sein komödiantisches Talent ausspielen. Dazu kam noch eine kraftvoll schöne Baritonstimme. Glanzpunkt war seine Verwandlung von einem Nerd in einen von Liebesglut erfassten Mann zu Tangoklängen. Herrlich!

Die komödiantischen Rollen von Hopes Mutter und des Börsenmillionärs Whitley waren bei Carmen Fuggiss und Frank Schneiders bestens aufgehoben. Wunderbar, wie eine Kammersängerin und ein Kammersänger in diesen kleinen Rollen aufgingen! Auch Dirk Schäfer als Gangster Moonface und Amani Robinson als seine Braut Erma machten in ihren Rollen mit Spielwitz und schönen Stimmen einen glänzenden Eindruck. Sehr stimmig und eindrucksvoll auch Yannick Spanier als Kapitän mit norddeutschem Akzent und Juri Menke als sich um alles kümmernder Stewart.

Vortrefflich auch die vier Showgirls (Faye Bollheimer, Fides Groot Landeweer, Joana Henrique-Jakobs und Janina Moser), das Matrosenquartett (Gregory Antemes, Stephen Dole, James Cook und Johannes Summer), die beiden Kleinganoven (Tadeusz Slowiak und Martin Kreilkamp), Ugur Okay als Pastor und Marek Durka als Barkeeper. Spielfreudig und ausdrucksstark zeigte sich auch der Chor unter der Leitung von Lorenzo Da Rio.

Das alles hat Spaß gemacht. Wir sahen und hörten ein wunderbar unterhaltsames und ein bisschen albernes Musical. Ich freute mich auch an der stimmigen zweiten Ebene (obwohl freuen vielleicht das falsche Wort ist beim Blick auf das Amerika von heute). Der große Beifall des insgesamt recht jungen Publikums dieser fast ausverkauften Vorstellung war mehr als verdient.

Text: Achim Riehn

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