Keine Scheu vor moderner Musik: „Penthesilea“ von Pascal Dusapin ist eine Oper mit beeindruckender, unter die Haut gehender Musik. Die Inszenierung von Lorenzo Fioroni kleidet das in phantastische Bilder. Gesungen und musiziert wurde am 21. März 2026 großartig. Die Vorstellung war so spannend, dass ich erst kurz vor Ende der einaktigen Oper einmal auf die Uhr sah. Ein besseres Zeichen für einen gelungenen Abend gibt es kaum.

Jede Menge Applaus für die Mitwirkenden von „Penthesilea“ – Foto (c) Achim Riehn
Pascal Dusapin hatte sich mit dem Stoff seit den 1970er-Jahren beschäftigt, damals war ihm aber das Thema zu heftig. Das Stück spielt vollständig im Krieg. Erst später wandte er sich dem Drama von Heinrich von Kleist wieder zu. Die Komposition war dann 2015 abgeschlossen und wurde im Brüsseler Opernhaus La Monnaie uraufgeführt. Zusammen mit der Autorin Beate Haeckl hat der Komponist den Text von Kleist auf den Kern reduziert, die Begegnung von Penthesilea und Achilles. Er entstand ein psychologisches Drama über das, was in und zwischen diesen zwei Menschen passiert, die sich wohl lieben, aber die sich trotzdem zerstören. Das Stück zeigt zwei Menschen, die nicht wissen, wie man außerhalb von Gewalt leben und lieben kann
Worum geht es genau? Die Amazonenkönigin Penthesilea und der griechische Held Achilles begegnen sich im Trojanischen Krieg auf dem Schlachtfeld. Im Kampf wird ihnen klar, dass sie sich lieben. Aber die Erfüllung dieser Liebe ist für sie nur im Kampf möglich. Penthesilea darf nach dem Gesetz der Amazonen nur einen Partner nehmen, den sie besiegt hat. Sie unterliegt, aber Achilles tötet sie nicht. Achilles will sich ihr erneut stellen, um aus Liebe zu unterliegen. Aber wie in einem Rausch tötet sie ihn von weitem mit einem Pfeil und zerfleischt ihn mit ihren Hunden. Die Amazonen reagieren mit Abscheu auf diese Tat und es bleibt unklar, ob und wie Penthesilea weiterleben kann.
Wäre dies eine Oper, die dauernd auf allen Spielplänen steht, dann würde ich mich kaum mit der Musik befassen und den Schwerpunkt auf die Inszenierung legen. Aber hier ist für das Publikum alles neu. Das Klangerlebnis steht für mich daher im Vordergrund. Die Musik ist unglaublich sinnlich, das ist Emotion pur, das ist „ein Trip“ (so Stephan Zilias zur Musik). Das ist eine außerordentlich ausdrucksstarke und in gewisser Weise auch schöne Musik, wie ich sie so nicht erwartet hatte. Die Klänge sind unglaublich packend und entwickeln eine unglaublich intensive Sogwirkung und Spannung, „nichts fürs Radio, das ist was zum Erleben“.
Schon der Anfang ist erstaunlich. Ganz zart erklingt die Harfe, idyllisch, romantisch, verträumt, dann kommt ein dunkler, mysteriöser Untergrund dazu. Idylle steht gegen Bedrohung. Pascal Dusapin hat laut Stephan Zilias diesen Harfenanfang seiner Frau abgelauscht, als sie ein Wiegenlied für das neugeborene Kind summte. Diese träumerische Musik ist eine Art Leitmotiv, sie wird am Ende der Oper wieder aufgenommen. Sie ist ein Symbol für das zarte, verletzliche Wesen Penthesileas.
Später kommt das zweite charakteristische Instrument dazu, das Cimbalom, ein außerordentlich vielseitiges Instruments, zart und wild. Es stammt aus der osteuropäischen Volksmusik, es erklingt fremdartig im Hintergrund der Musik, es steht für Achilles. Die Musik ist in Vorderasien verortet, das ist eine eigenständige Klangwelt. Es gibt ganz viele tiefe Töne. Die Kontrabassklarinette wird eingesetzt, ein selten verwendetes Instrument, eine Oktave tiefer als die Bassklarinette.
Orchestrale Zwischenspiele wirken wie Kommentare zum Geschehen. Oft bilden Klangflächen den Hintergrund zu den Gesangsstimmen. Das Schlagwerk ist groß besetzt, es gibt Gongs, Trommeln, Bongos, Eisenbahnschienen, aber keine Pauken. Orchesterattacken klingen wie Schreie. Naturklänge werden in die Musik integriert, Donnergrollen ist zu hören, Hundegebell. Das gesamte Soundsystem (Sounddesign Marko Junghanß) im Zuschauerraum wird ausgenutzt, das war laut Stephan Zilias „ein Fest für die Soundabteilung“. Für mich war das beim Hören auch ein Fest!
Pascal Dusapin war in die Probenarbeit eng mit einbezogen und gab viele Hinweise zum Klang. Für ihn soll die Musik archaisch gespielt werden und nicht wie Kunstmusik klingen. Einige Stellen mussten ungeschlacht und grob gespielt werden, so etwas wie ein „Wirtshaus“ (Stephan Zilias) schwebte ihm da vor.
Die Gesangsstimmen sind enorm differenziert. Das ist eine Darstellung der gesamten Bandbreite der menschlichen Emotionen, detailversessen, extrem faszinierend. Das geht hin bis zu auskomponiertem Stottern und Atmen. Mikros werden eingesetzt, da man sonst diese ganzen Details der Gesangsstimmen kaum hören könnte. Die Partie der Penthesilea ist besonders anspruchsvoll. Ein faszinierender Höhepunkt ist ihr großer Gesang („O niemals ….“), ein hochvirtuoser Blick in die Seele hinein über einem ganz ruhigen Dreitonlamento des Orchesters. Das ist Musik, die die Zeit auflöst.
Regisseur Lorenzo Fioroni konzentriert sich in seiner Inszenierung auf das Psychogramm der Hauptfigur. Das Kriegerische ist für ihn nur ein Nebenaspekt. Er zeigt, wie Gewalt und Krieg unter die Haut der Personen kriecht. Diese Haut bildet auch den Boden des Bühnenraums, Personen können unter ihr verschwinden, aus ihr herauskriechen. In der zentralen Szene hebt sich diese Haut am Bühnenrand. Eine Art Höhle entsteht. Blutrot ist die Unterseite der Haut, unter der Penthesilea mit ihrer Vertrauten Prothoe kauert.
Die meisten Personen auf der Bühne verschwinden in der Masse, im Krieg gibt es keine Individualität. Penthesilea, Prothoe und die Priesterin stechen auf der Seite der Amazonen heraus, Achilles und Odysseus auf der Gegenseite. Auf der Seite der Amazonen sind immer auch zwei Schäferhunde mit ihrer als Amazone verkleideten Trainerin Nicole Valentin dabei.
Achilles zeigt seine Verletzlichkeit, wenn er zum Schluss mit enger goldener Hose und nackten Oberkörper in einem Boxring auf Penthesilea wartet. Er scheint sich seiner Sache ganz sicher zu sein, vielleicht fasst er es als Spiel, als sportliche Auseinandersetzung auf. Aber Penthesilea erschießt ihn aus der Ferne, sein roter Umhang wird von den beiden Hunden zerfetzt.
Fiorini beendet das Stück nicht mit dem Selbstmord der Titelfigur. Eine stumme Gesellschaft versammelt sich um den Boxring und das sich darum befindende Bistro. Es ist wohl Jahre später. Penthesilea, Prothoe und die Priesterin sind alt und grau geworden. Penthesilea lebt in einer Traumwelt, hat das Geschehen verdrängt. Aber nun bricht die Realität über sie herein, Bilder der Vergangenheit bedrängen sie. Kann sie das überleben? Es bleibt unklar. Der Chor singt leise zum Schluss das Wort „Hoffnung“, so endet alles. Hier musste ich an Alberic Magnards großartige Oper „Guercoeur“ denken, in der ebenfalls zum Schluss der Chor dieses Wort singt.
Das Bühnenbild von Paul Zoller unterstützt das alles grandios. Für mich sehen wir hinein in die Seele von Penthesilea. Hinter einem goldenen Vorhang öffnet sich der Blick in einen Innenraum, links und rechts von halb verhängten Gerüsten bedrängt. Aus diesen Gerüsten quellen die Amazonen und die Griechen hervor, verschwinden auch wieder hinter ihnen. Den Boden bildet die Haut. Eine Brücke erstreckt sich weit oben über die Bühne, von ihr singt meist die Priesterin. Darüber eine Art Deckengemälde, wie die Kuppel einer Kirche, fast überirdisch. Diese Fläche wird auch für stimmige Videos (Videodesign Isabel Robson) genutzt, sie kann auch mal Spiegel sein. Mit einer Live-Kamera (Enes Akargül) wird die von Achilles bedrohte Penthesilea groß auf diese Fläche projiziert. Nach einem musikalischen Intermezzo wandelte sich die Bühne, wir sehen eine Art Bistro mit Tischen und Stühlen, wir sehen den Boxring.
Die Kostüme von Sabine Blickenstorfer sind nicht zeitlich zu verorten. Die Kostüme der Amazonen erinnern fast ein bisschen an aztekische Bekleidung. Sie tragen Pfeil und Bogen. Die Griechen erscheinen in tarnfarbener Uniform, eher in der heutigen Zeit verortet. Sie tragen Gewehre. In der Schlussszene sind wir dann bei heutiger Alltagskleidung für den Chor und bei biederer Mode der Sechziger für Penthesilea, Prothoe und die Priesterin.
Stephan Zilias und das Niedersächsische Staatsorchester spielten diese Musik grandios. Das glühte vor Emotionen, das stand unter Hochspannung. Alles war klar und durchsichtig, kein Ton der Sängerinnen und Sänger wurde überdeckt. Katrin Wundsam als Penthesilea war einfach nur großartig. Präzise, leuchtend, bewegend, stimmgewaltig, emotional – wahrscheinlich kann man diese hochvirtuose und komplexe Partie kaum besser auf die Bühne bringen! Peter Schöne sang den Achilles mit sehr klangschöner Stimme, weich und doch auch klangvoll, verletzlich und ein bisschen überheblich. Ein beeindruckendes Rollenportrait. Olga Jelínková (Prothoe), Yannick Spanier (Odysseus) und die Priesterin von Anthea Barać standen in Darstellung und Gesang dem nicht nach, ebenso wie die kleineren Rollen des Boten (Juhyeon Kim) und der Botin (Diana Piticas). Ebenso auf hohem Niveau sangen und spielten die Sängerinnen und Sänger des Opernchors (Chorleitung Lorenzo Da Rio). Ein Bravo auch für die Hunde und ihre Trainerin!
Das war ein sehr beeindruckender Abend mit Musik, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut ging. Es ist keine Wohlfühloper, aber sie lohnt wirklich das Anhören und das Zuschauen. Das zu verpassen, ist eindeutig ein Fehler!
Text: Achim Riehn
