Prinzessin Odette ist vom bösen Zauberer Rotbart in einen Schwan verwandelt worden. Von diesem Zauber kann sie nur derjenige erlösen, der ihr ewige Liebe schenkt. Prinz Siegfried, von ihrem Liebreiz überwältigt, schwört ihr ewige Liebe und Treue. Aber wie in vielen Märchen: Es geht nicht gut aus. Das ist die ursprüngliche Handlung des Balletts „Schwanensee“ zur Musik von Tschaikowsky, tausend Mal inszeniert. Schwäne in weißen Tutus, tausendmal tanzten sie über die Bühne. Wer hat diese Bolschoi-Bilder nicht vor Augen?

Schlussapplaus für die Tänzer:innen und die Musiker:innen in „Schwanensee – Rotbarts Geschichte“. Foto (c): Achim Riehn
Wie kann ein Choreograf noch etwas Neues erzählen? Goyo Montero erzählt an der Staatsoper Hannover zur Ballettmusik von Tschaikowsky die Vorgeschichte: Wie konnte es dazu kommen, wie wurde der böse Zauberer Rotbart so wie er ist? Ich sah am 25. Februar 2026 ein dunkles Märchen auf der Bühne, bedrohlich, ergreifend und begeisternd, toll musiziert, zum Niederknien gut getanzt. Ein Klassiker auf wundersame Art und Weise ganz neu. Ausverkauftes Haus, Standing Ovations, vor Begeisterung tobendes Publikum!
Goyo Montero zeigt uns Rotbarts Lebensgeschichte. Rotbart ist ein traumatisierter Mensch, der auf der Suche nach der Liebe ist, die er nicht greifen kann und der dann alles um sich herum zerstört. Goyo Montero geht auf die Suche nach dem Ursprung des Bösen, etwas, das heutzutage wieder bestürzend aktuell ist.
Bei Goyo Montero muss Rotbart, von Kindheit an von zwei Narren begleitet, als Kind erleben, wie der König, der Vater, seine Mutter tötet. Traumatisiert flüchtet er sich in Studentenkreise. Als sein Vater stirbt, soll er Nachfolger werden, aber er kann und will diese Rolle nicht annahmen. Er flüchtet an einen See und ertrinkt dort fast, wird von Schwänen in Menschengestalt gerettet. Rotbart sucht den androgynen weißen Schwan, der ihn unter Wasser zur Rettung seine Hand gegeben hat. Er findet ihn, vereinigt sich mit ihm inmitten der Schwanenschar. Aber er kann die Liebe zu diesem so fremdartigen Märchenwesen nicht annehmen, in einen Anfall von Furcht erschlägt er die meisten Schwäne. Das Trauma hat ihn eingeholt. Der weiße Schwan überlebt und schwört Rache.
Der zweite Teil spielt viele Jahre später. Rotbart regiert als dunkler Herrscher über eine Menagerie von Fabelwesen und spielt mit ihnen seine grausamen Spiele. Er lässt die kleinen Schwäne tanzen, trennt brutal ein Zwillingspaar aus Fabelwesen. Aber die Vergangenheit holt ihn ein. Der weiße Schwan hat sich in den schwarzen Schwan verwandelt, jetzt eine Frau. Sie erscheint am Hof, verführt Rotbart. Ihre Magie lässt das Zauberreich zusammenstürzen, Robert wird ins Wasser gerissen, in eine monströse Gestalt verwandelt, dazu verdammt, jetzt das Schwanenreich zu bewachen. Ganz zum Schluss erscheint Siegfried, der neue Prinz: das uns allen bekannte Ballett Schwanensee könnte beginnen. Aber wird er es besser machen?
Goyo Montero bricht die in uns eingebrannten Schwanensee-Bilder auf und ersetzt sie durch etwas Neues, das aber immer wieder das Traditionelle aufnimmt und umdeutet. Der große Pas de deux von Prinz und Schwan ist zum Beispiel jetzt aufgebrochen in einen Tanz Rotbarts mit ganz vielen Schwänen, von Schwan zu Schwan wechselnd. Das Ensemble ist der Schwan und die Bewegung dieser Gruppe erinnerte mich an einen Schwan (hier war mein Platz im dritten Rang perfekt). Das Ballett ist ein Gesamtkunstwerk aus Tanz, Bühne, Kostümen und Musik mit neuen Bildern.
Curt Allen Willmer und Leticia Ganan Calvo haben für die Geschichte ein faszinierendes Bühnenbild geschaffen, das die beiden Welten, höfisches Leben und Schwanenreich, klar voneinander abgrenzt. Der Hof wird von fünf Türmen aus Gitterstreben beherrscht, von Leuchtstoffröhren fast bedrohlich illuminiert. Die Vorderseite ist eine graue, kalte Fläche, die Rückseite aus den Gitterstreben dient später als Gefängnis für die gefangenen Zauberwesen im zweiten Teil. In einem der Türme steht im ersten Stock der dunkle Thron von Rotbart, der an den Eisernen Thron aus „Game of Thrones“ erinnert. Diese Türme können blitzschnell über die Bühne bewegt werden.
Tauchen wir in die Wasserwelt ein, so verschwinden diese Türme. Fadenvorhänge senken sich herab, unzählbar viele Fäden bilden einen Rahmen für die ansonsten kahle, blau illuminierte Bühne. Bunte Punkte auf dem Boden sehen aus wie Lichtreflexe auf dem Grund eines Sees. Der Vorhang wird für bühnenhohe Videoprojektionen von Álvaro Luna genutzt, die wie flirrende Spiegelungen im Wasser aussehen. Als Rotbart im See fast ertrinkt, erscheint auf dem Vorhang ein in einem Schwimmbad gedrehtes Unterwasservideo mit den beiden Hauptdarstellern, Rotbart und weißer Schwan. Dazu Tschaikowskys aufrauschendes Schwanenthema, das ist sehr beeindruckend.
Die Kostüme von Salvador Mateu Andújar tragen stark zum fast surrealen, phantastischen Eindruck bei. Keine Tutus bei den Schwänen, sie stecken in engen, metallisch glänzenden, schuppenartigen Trikots. Applikationen erinnern entfernt an Schwanenflügel, schnabelartige Auswüchse sitzen auf den Hinterköpfen. Das wirkt fremdartig, fast bedrohlich, es sind eindeutig keine niedlichen Schwäne. Das Königspaar und der schwarze Schwan tragen Gewänder aus plissierten Stoffen, das erinnert an verfremdete Tiergestalten. Der Umhang des schwarzen Schwans ist das unter allen Kostümen, das am ehesten an einen wirklichen Schwan erinnert. Rotbart ist in fast normale, aber aufwändig verzierte Tanzkleidung gehüllt, zwischendurch darf er auch seinen nackten Oberkörper zeigen. Zum Schluss wird er in einen tierartigen Umhang gehüllt. Vogel, Bär? Ist es derselbe Umhang, den sein Vater trug? Aus dem dritten Rang konnte ich das nicht sicher feststellen.
Futuristisch auch die anderen Kostüme. Die Zwillinge stecken in engen, fleischfarbenen Trikots, die sie nicht menschlich aussehen lassen. Die vier kleinen Schwäne sind von Kopf bis Fuß in enges, leuchtendes Silber gehüllt, mit von innen beleuchteten Tutus, fremdartig und unheimlich wie Automaten. Die beiden Narren in ihren grauen, verzierten Kostümen erinnern wirklich von fern an Harlekine, wie man sie kennt, bloß farblos, mit zwei schillerlockenartigen Hörnern.
Goyo Monteros Choreographie ist kraftvoll, athletisch. Manchmal musste ich an Figuren aus dem Eistanz denken. Schlangenhafte Bewegungen, komplexe Hebefiguren, das alles erfordert ein hohes Maß an Körperbeherrschung. Jede und jeder aus dem Ensemble muss solistische Qualitäten haben, um das perfekt umzusetzen. Aber das gelang in jeder Sekunde des Abends. Die Geschichte wurde vor meinen Augen lebendig.
Herausragend die Solistinnen und Solisten. Jay Ariës tanzte den Rotbart kraftvoll und lebendig. Antoine Charbonneau als weißer und Emily Seymour als schwarzer Schwan brillierten mit Eleganz und fast unheimlicher Präzision. Nicolás Alcázar Sánchez und Edward Nunes sorgten als Narren für die Prise Humor der dunklen Art, der gut zu dieser tragischen Geschichte passte. Toll auch Kate Cummings und Stella Tozzi, die beiden so unmenschlich fremd wirkenden Zwillinge aus der Menagerie.
Auch musikalisch war das ein prächtiger Abend. Die Musik ist neu arrangiert, aber nah am Original. Goyo Montero hat die Divertissements weggelassen und so das Ballett auf zwei Stunden gekürzt – kein Fehler aus meiner Sicht. Das Niedersächsische Staatsorchester unter der Leitung von Piotr Jaworski ließ die Musik glühen und funkeln. Da war nichts Süßliches, nichts Kitschiges zu hören, wunderbar!
Dieses Ballett ist eindeutig ein Geschenk an das Publikum und hoffentlich wird es wieder aufgenommen. Diese neue Sicht auf „Schwanensee“ hat ins Schwarze getroffen. Der Schlussapplaus aus dem ausverkauften Haus war enthusiastisch und hatte fast schon Popkonzert-Qualitäten. Ich habe es selten erlebt, dass das Publikum in Hannover so aus sich herausgeht. Nach wenigen Sekunden stand das Parkett und der Applaus wollte einfach nicht mehr enden. Da trug wohl auch dazu bei, dass der Altersschnitt des Publikums überraschend jung war. Dieses Ballett hat wirklich das Opernhaus geöffnet!
Text: Achim Riehn
