„Das Offene Foyer“: Zauber des Dabeiseins

Seit Beginn der Spielzeit 2025/26 gibt es in der Staatsoper Hannover etwas Neues, das „Offene Foyer“. Das waren ganz herrliche Vormittage, voller Leben, voller schöner Erlebnisse. Da hat die Oper einen wirklichen Treffer gelandet, sie hat sich wunderbar in die Stadt hinein geöffnet. Jetzt am Ende der Saison ist es Zeit für einen Rückblick. Ich war an vielen Tagen dabei, jeder davon hat sich gelohnt. Ich kann die Termine in der nächsten Saison kaum abwarten.

Blick in das Laves-Foyer, das an Samstagen beim „Offenen Foyer“ gut besucht ist. – Foto (c): Achim Riehn

Jeden Samstag von 10 bis 14 Uhr öffnete das Haus für Probeneinblicke, kleine Konzerte, Gesprächsrunden, Workshops, offenes Singen oder einfach nur einen Kaffee. Das alles bei freiem Eintritt! Nur der Kaffee und die Croissants mussten bezahlt werden, wenn man beides denn wollte. Das Programm wird immer einige Tage vor dem Samstag auf der Seite der Oper bekanntgegeben. Jetzt verabschiedet sich das „Offene Foyer“ in die Sommerpause, am 29. August 2026 geht es weiter. Was ist mir von meinen Besuchen besonders in Erinnerung geblieben?

An vielen Samstagen fand gerade auf der großen Bühne eine Probe statt. Meist für 30 Minuten bestand die Gelegenheit, vom ersten Rang zuzuschauen. Das ist jedes Mal ganz anders und jedes Mal spannend, weil sich ein Stück an diesen Tagen in ganz unterschiedlichen Phasen seiner Entstehung befindet. Man kann etwas entdecken, was eigentlich noch verborgen ist.

Am 6. September 2025, dem ersten „Offenen Foyer“, konnten wir an einer Bühnenprobe zu „Lohengrin“ teilnehmen. So viel Andrang, so viel Interesse, die Mitarbeitenden der Staatsoper war bestimmt freudig überrascht. Weit mehr als hundert Menschen wollten sich das nicht entgehen lassen.

Am 15. November 2025 sahen wir 45 Minuten einer Bühnenprobe von „Anything Goes“. Es waren noch zwei Wochen bis zur Premiere, das Stück war also noch mitten in der Erarbeitung. Es wurde der Song „Bon Voyage“ szenisch einstudiert, mit viel Chor, mit viel Choreografie. Detail für Detail wurde durchgegangen und probiert. Am Schluss hätte ich fast mitmachen können, so drin war ich auf einmal in den Bewegungsabläufen. Es dauerte danach auch einige Stunden, bis ich den Song wieder aus meinem Kopf herausbekommen hatte.

Wieder „Anything Goes“ am 22. November, diesmal gab es sogar eine Einführung zur Probe im Marschnersaal durch Kirsten Corbett. Der Marschnersaal war voll, das Interesse an dieser Probe war wieder sehr groß. Wir sahen dann zwei Nummern vom Ende des 1. Aktes, die intensiv geprobt wurden. Die Sängerinnen und Sänger mussten wirklich voll mittanzen! Max Dollinger legte einen gekonnten Tango hin.

Besonders berührend fand ich den Probeneinblick am 29. November 2025 zu „Hänsel und Gretel“. Zum ersten Mal war dafür der Kinderchor auf der Bühne. Zuerst gab es eine Sicherheitseinweisung, dann wurde geprobt. Die Engel gingen die Treppe herab und knieten um die schlafenden Hänsel und Gretel (nicht anwesend). Dann wurde das Hexenhaus hereingeschoben und die Schlussszene wurde geprobt, in der der Kinderchor ja einen wesentlichen Anteil hat. Es war eine Freude zu sehen, mit welcher Begeisterung die Kinder dabei waren. Eine Hälfte probte, die andere Hälfte schaute vom Bühnenrand zu. Das war eine sehr faszinierende Begegnung mit richtiger, konkreter Arbeit auf der Bühne.

Aber es gab auch Einblicke in Proben für Konzerte. Am 20. Juni 2026 bestand die Gelegenheit, in die Generalprobe zum Achten Sinfoniekonzert hineinzuschauen. 30 Minuten lang konnte man Alban Bergs Violinkonzert mit der Weltklassesolistin Antje Weithaas hören. Bei den „normalen“ Proben konnten wir jederzeit während der Zeitspanne kommen und gehen. Damit sich hier die Mitwirkenden konzentrieren konnten, gab es keinen Nacheinlass, es wurde auch darum gebeten, den Saal nicht vorzeitig zu verlassen. Leider konnte ich da nicht dabei sein.

Manchmal gab es auf der Bühne keine Probe, manchmal wurde nur ein Bühnenbild ab- und ein neues aufgebaut. Auch da konnten wir zuschauen, das war hochspannend. Am 13. Juni 2026 konnten wir für 45 Minuten aus dem 1. Rang sehen, wie auf der Bühne „Anything Goes“ abgebaut und „Der Troubadour“ aufgebaut wurde. Ein Bühnenmeister war bei bei uns im Rang anwesend und erläuterte das sehr kenntnisreich und beantwortete unsere vielen Fragen. Es war spannend zu sehen, wie das Schiff innerhalb weniger Minuten zerlegt und weggeschoben wurde und wie sich langsam der an verbrannten Papier erinnernde Rahmen für den Troubadour bildete. So etwas läuft ja sonst vor dem Publikum ganz verborgen ab, das ist eine neue faszinierende Welt. Wir verstanden, warum der Betrieb eines Opernhauses so personalintensiv ist.

Ganz bezaubernd fand ich auch die kleinen Konzerte, die Mitglieder des Ensembles in der Adventszeit gaben. Am 29. November 2025 gab es im unteren Foyer Weihnachtslieder, gesungen mit den wunderbaren Stimmen von Grga Peroš und Juhyeon Kim, begleitet von Hyerim Byun. Fünf amerikanische Lieder, unter anderem „White Christmas“. Der große Beifall war berechtigt.

Auch am 6. Dezember 2025 gab es wieder ein herrliches Adventssingen. Julia Sturzlbaum sang zwei ganz unterschiedliche Titel, Händel „Lascia ch‘io pianga“ und dann den Popsong „Hijo de la luna“. Zwei ganz unterschiedliche Stücke, in denen die Sängerin beide Facetten ihrer Sangeskunst toll zeigen konnte. Dazu las sie noch eine sehr witzige Adventsgeschichte vor. Herrlich! Max Dollinger sang mit wunderbarer Baritonstimme zwei Lieder mit weihnachtlichem Hintergrund, auch ganz wunderbar. „Von ihm möchte ich gern mal die „Winterreise“ hören“, flüsterte Susanne Weisgerber aus der GFO zu mir rüber. Da wäre ich sofort im Publikum! „Don Giovanni“ alias Matteo Guerzé sang dann zwei mir unbekannte Arien mit voller leuchtender Stimme, absolut hinreißend. Begleitet wurden alle einfühlsam am Klavier vom Erik Garcia Álvarez, Studienleiter an der Oper. Eine begeisternde halbe Stunde!

Im Marschnersaal sangen am 20. Dezember 2025 Kiandra Howarth, Cassandra Doyle und Michał Prószyński Lieder und Arien. Die beiden Sängerinnen beeindruckten jeweils mit zwei Weihnachtsliedern, wunderschön und stimmungsvoll. Der Sänger sang zwei Opernarien, die eine von Bellini, die andere die bekannte Arie des Rodolfo aus „La Boheme“. Er hat eine strahlend leuchtende, höhensichere Stimme. Es gab für alle begeisterten Beifall. Begleitet wurden sie durch Max Bilbe am Klavier.

Auch kleine Diskussionsrunden rund um gerade aktuelle Opern und Konzerte gab es. Am 27. September 2025 drehte sich eine solche Diskussionsrunde um das am folgenden Tag stattfindende Konzert. Der Dramaturg Arno Lücker hatte im Marschnersaal vier junge Musiker des Niedersächsischen Jugendorchesters und den Solisten des bevorstehenden Sinfoniekonzerts, Christian Schmitt, Organist zu Gast. Wir redeten viel über das Konzert, die Orgel als Soloinstrument und Musik und Kultur im Allgemeinen. Jede Sekunde lohnte sich.

Am 6. November 2025 gab es eine Veranstaltung, die mich sehr begeistert hat. Sie erwies sich als unglaublich interessant: „Opera.Quest. Musiktheater.Zocken: Das Playstationspiel Silent Hill 2 und die Oper Die tote Stadt im Vergleich“. Dramaturg Arno Lücker und Dramaturgie-Praktikant Jakob Jäckle zeigten auf spannende und sehr interessante Art und Weise die Verbindung zwischen Korngolds Oper und dem Videospiel-Klassiker. Nach einer Einführung durch Arno Lücker spielte Jakob Jäckle das Spiel und wies dabei begleitend auf die Parallelen zwischen Oper und Spiel hin. Es ist eine sehr ähnliche Geschichte einer Traumabewältigung, die in zwei unterschiedlichen Medien mit den Mitteln dieser Medien erzählt wird. Das hat mich wirklich fasziniert! Mir, der ich noch nie ein Videospiel dieser Art gespielt habe, ist nun klar, warum das so viele Menschen begeistert. „Die tote Stadt“ ist ein „Silent Hill 2“ in konzentrierter und explosiver Form, „Silent Hill 2“ ist „Die tote Stadt“ in meditativ. Ich hoffe sehr auf eine Fortsetzung von OperaQuest als Reihe in der kommenden Spielzeit! Anderthalb Stunden dauerte das. Der einzige „Fehler“ war die Hitze in der Jojo-Bar.

Mehrmals waren auch Gäste aus dem Opernhaus da, mit denen man im Laves-Foyer in gemütlicher Kaffeerunde über ihre Arbeit reden konnte. Das erwies sich jedes Mal als sehr interessant, die Gäste waren immer umlagert. Ich hoffe, dass das in der nächsten Saison fortgesetzt wird.

Alexander Reschke, Künstlerischer Betriebsdirektor und stellvertretender Intendant, kam am 6. September 2025 an einen Stehtisch im Laves-Foyer „Frag die Oper“: Er stand für Fragen und Gespräche aller Art zur Verfügung. Das wurde so gut genutzt, dass ich keine Chance hatte. Aber diesen Gesprächen zuzuschauen und von fern zuzuhören war auch ganz spannend.

Am 27. September 2025 war die Souffleuse Karin Seinsche da zum Ausfragen und zum Austauschen, das wurde rege genutzt. Am 1. November erzählte die Technische Direktorin Ilka Licht von ihrer Arbeit und ihrem Werdegang. Es machte Spaß, ihr zuzuhören. Es war wieder eine große Traube von Menschen, die da zuhörten.

Am 22. November 2025 gab es eine kleine Plauderrunde mit Matthias Brandt, Leiter der Musikvermittlungsabteilung XChange, danach ging es in die Jojo-Bar, wo die Orchesterdirektorin Dorothea Becker wartete. Über 45 Minuten entwickelte sich ein intensives, sehr interessantes Gespräch über ihre Arbeit. Mit unserem Kaffee gingen wir am 30. November in die Jojo-Bar, dort saßen wir in einer kleinen Runde mit Marlene Mesa, einer Sängerin aus der Musiktheater-Akademie, und Chefdramaturgin Ann-Christin Mecke zusammen. Marlene Mesa sang eine der beiden Hauptrollen in der Kinderoper „Wurst“, die am Donnerstag danach Premiere hatte. Das waren spannende 45 Minuten mit vielen interessanten Fragen, alle Besucher hatten wirklich Neugier.

Das Opernhaus gibt im „Offenen Foyer“ auch Gästen Gelegenheit zu Auftritten und Konzerten. Das wurde im Verlauf der Saison immer intensiver genutzt.

Am 6. September 2025 gab es im Marschnersaal ein Unplugged-Konzert mit der Singer-Songwriterin Inga-Alina Döhring. Ein sehr stimmungsvolles Kammerkonzert von einer Stunde erwartete uns am 13. Juni 2026 im bis auf den letzten Platz besetzten Marschnersaal. Sandra Firrincieli (Alt, aus dem Opernchor), Nir Rom Nagy (Viola, aus dem Orchester) und Nico Benadie (Klavier) spielten Lieder und Kammermusik von Clara Schumann und Johannes Brahms. Ich wiederhole das noch mal: So etwas Tolles bekommt man hier, ohne dafür zu bezahlen! Am 20. Juni 2026 gab es sogar zwei kleine Konzerte. Es traten der Christophorus-Kammerchor Elze und das Saxophon-Ensembles „Saxtett“ auf. Hier konnte ich leider nicht dabei sein.

Und dann gab es noch beim „Offenen Foyer“ eine Menge von ganz unterschiedlichen Veranstaltungsangeboten. Es gab Vorträge, so wie am 6. September 2025, als Linda Meier, Diplom-Kulturwissenschaftlerin und Leiterin des Landesverbands Soziokultur Niedersachsen, über das Thema Teilhabe sprach. „Offenes Singen“, einfach Mitsingen, geleitet von Tatiana Bergh, der Leiterin des Kinderchors oder von Johanna Gronemann, ebenfalls ein Highlight. Die Klänge zogen durch die ganzen Foyers, eine wunderbare Stimmung. „Silent Drawing“ mit Dorothea Schwarz vom Cameo-Kollektiv e. V. war ebenfalls im Angebot. Beim Silent Drawing wird ohne Worte gezeichnet. Materialien wurden gestellt, Vorkenntnisse waren nicht nötig. Am 20. Dezember 2025 konnten wir Weihnachtskugeln bemalen. Nach hektischen Tagen tat vielen Menschen das Afterworkschweigen mit Ute Reimann gut. Der Verein „Cameo Kollektiv“ veranstaltete sogar regelmäßig einen Schweigeworkshop.

Durchschnittlich waren es etwa 200 Besucherinnen und Besucher jeden Samstag, so hörte ich aus Kreisen der Oper. Nicht nur ich bin richtiger Fan dieser Reihe geworden. Ich freue mich auch über die Zufallsbesucherinnen und -besucher, die spontan hereinkommen, vielleicht zum ersten Mal ein Opernhaus besuchen, die begeistert sind. Dieses Format nimmt die Scheu. Das Haus hat sich der Stadt geöffnet, und die Stadt ist gekommen! Es bietet sich nun eine wunderbare Gelegenheit, den Einkaufsbummel in der Stadt ganz entspannt zu unterbrechen. Ganz zwanglos können neugierige Menschen so in die Welt der Oper eintauchen. Daumen hoch dafür! Bitte bitte weiter so!

Text und Foto: Achim Riehn

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