Kostprobe „Turning Turandot“ am 26.10.2023 – alles neu in einer alten Welt

Probenbesuch bei einem neuen Stück! Diese Kostproben sind immer interessant und spannend, aber das ist dann doch etwas Besonderes. Es gab faszinierende Einblicke, die neugierig machten auf das Stück und die Inszenierung. Überraschend viele junge Menschen waren diesmal unter den Besuchern.

Foto und Copyright Achiem Riehn

 

Olivia Hyunsin Kim, Composer in Residence der Spielzeit 2022/23, kehrt mit ihrem Team an den Ballhof zurück, um mit dem neuen Stück „Turning Turandot“ einen der Repertoireklassiker der Oper zu hinterfragen.

Dramaturgin Katharina Schellenberg begrüßte uns und bat dann fast das ganze Regieteam dazu: die Regisseurin, dazu Mascha Mihoa Bischoff (Kostüme) und Jones Seitz (Video). Warum ausgerechnet Turandot? Olivia Hyunsin Kim gab hier ausführlich Antwort. Das Stück hat kein richtiges „offizielles“ Ende, da Puccini es nicht vollenden konnte. Es bietet daher eine Reibungsfläche, um die Geschichte davor zu hinterfragen. Warum spielt das in einem exotischen China? Warum gibt es diese starke Frau, die Macht hat – aber nur solange sie nicht heiratet? Wie geht man mit der Sklavin Liu um, die einen Frauentyp repräsentiert, der in der Oper so oft vorkommt, die Frau als Opfer? Wie geht man mit den merkwürdigen Stereotypen um, die vorkommen: die drei Minister zum Beispiel heißen wie in einer Karikatur Ping, Pang und Pong. Wie kann man dies alles zeitgemäß hinterfragen? Das war die reizvolle Herausforderung.

Mit dem „Turning“ wird auch angedeutet, dass neben der Personenzeichnung auch die Themen der Oper hinterfragt werden sollen. Die Oper enthält Rassismus, eine gelinde gesagt altertümliche Sicht auf Frauen, Sexismus und Exotismus. Damit muss man aus heutiger Sicht umgehen. Aber „Turning“ bedeutet auch Humor, etwas, was vielen Opern fehlt. Die eingesetzten Videos stehen stark in Verbindung mit dem Bühnengeschehen. Zentrales Motiv ist die Blume, die ja auch ein weibliches Symbol ist. Die Kostüme stellen einen Stereotyp auf den Kopf, den man oft auf der Opernbühne sieht: weiße Menschen spielen in exotischen Kostümen. Ist das noch zeitgemäß? Die Kostüme der Inszenierung greifen das auf, sie benutzen diese exotischen Zitate aber spielerisch. Die Kostüme sind wild, poppig und exzessiv. Nach Meinung des Regieteams muss man verantwortungsvoll mit all diesen Exotismen umgehen. Eine interessante Frage an Olivia Hyunsin Kim war dann, warum bei all diesen Bedenken gegen einen traditionellen Stoff nicht eine neue Oper komponiert wird. Die Antwort war deutlich, aber auch etwas desillusionierend: Es gibt in der Oper und beim Publikum einen starken Hang zu den Klassikern. Wenn man das akzeptiert, dann ist die Frage, wie wir diese Stücke weiter spielen wollen. Reicht es, einem alten Stück einfach eine neue Inszenierung überzustülpen, um die Fragen zu umgehen? „Wir schauen, ob es auch anders geht“. Und so wird in diesem „Turning“ alles gedreht. Die Hauptrollen sind zum Beispiel mit dem jeweils anderen Geschlecht besetzt, Calaf ist eine Frau, Turandot und Liu sind Männer. Das stellte auch den Arrangeur vor zusätzliche Anforderungen: diese Partien mussten entsprechend angepasst werden, ohne die musikalische Substanz zu sehr anzutasten.

Nach diesem dreißigminütigen Gespräch ging es dann in die Probe. Wir sahen eine Bühnenorchesterprobe ab Beginn, gespielt wurde in rudimentären Probenkostümen und in Alltagskleidung. Carmen Fugiss (Timur und Pong) war erkrankt, konnte aber auf der Bühne spielen. Lluís Calvet i Pey (Pang) hatte es so stark erwischt, dass seine Rolle auf der Bühne von der Regieassistentin markiert wurde. Auf der Bühne steht ein weißes Podest mit einer Spiegelwand, darüber schweben drei Videoleinwände. Überall sind Blumen auf der Bühne. Der Eindruck dieser Neudeutung von „Turandot“ war faszinierend ungewöhnlich. Das zarte Arrangement der Musik ist auf den Punkt reduziert. Das bringt die Musik fast noch mehr zum Leuchten wie ein großes Orchester.

Es war spannend, wie wenig der Geschlechterwechsel an den Eindrücken der Rollen geändert hat. Calaf ist auch als Frau noch heldisch dominant, Liu ist auch als Mann immer noch verletzlich. Das stellt unser Personenbild doch auf sehr subtile und nachdenkenswerte Art und Weise in Frage. Ich bin jetzt sehr gespannt auf dieses ganze Musiktheater. Wir tauchen ein in „Turandot“, aber wir werden überall ganz neu hinschauen. Wir werden eintauchen in eine vertraute Opernwelt, die auf einmal ganz anders ist. Das wird nicht allen gefallen, aber das muss es ja auch nicht.

Wer Interesse an neuen Sichten hat, an spannenden Experimenten und an der subtilen Diskussion aktueller Fragen, der wird hier richtig sein. Und die wunderbare Musik ist ja auch da. Sie klingt hier vielleicht noch ätherischer als sonst, sie ist nun auf ganz andere Art und Weise exotisch.

Ich liebe diese „Kostproben“ und die Einblicke in eine Produktion im Entstehungsprozess. Das alles für 11,50 Euro, herrlich! Ich als Mitglied der GFO hatte die Karte sogar für 5 Euro bekommen. Allein dafür lohnt sich schon die Mitgliedschaft!

Achim Riehn

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