Probenbesuch „Lear“ am 05.02.2024 – erster Einblick in eine Studie über den Wahnsinn

Probenbesuche sind immer spannend. Man sieht und hört immer schon etwas, was für das Publikum noch unbekannt ist. Es ist wie ein Blick hinter einen Vorhang auf ein Geheimnis.

Foto und Copyright: Achim Riehn

Dieser Probenbesuch war dazu noch etwas Besonderes, da er exklusiv für Mitglieder der GFO stattfand. Ungefähr 40 Mitglieder hatten diese tolle Gelegenheit genutzt. Also: Mitglied werden!

Geprobt wurde „Lear“, eine Oper von Aribert Reimann, komponiert in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts. Die Inszenierung ist von Joe Hill-Gibbins, der an der Staatsoper Hannover auch schon „Greek“ inszeniert hat.

Probenbesuche beginnen normalerweise mit einem Vorgespräch, diesmal aber ging es gleich hinein in den Zuschauerraum. Es war gerade Pause und man konnte einen ganz ungestörten Blick auf das Bühnenbild von Tom Scutt werfen. Viel verraten werde ich noch nicht, aber das ist schon ein ungewöhnliches Bild. Die Bühne ist voll von reinweißen kubischen Kartons, darüber eine fast klinisch wirkende Beleuchtung. Hinter der Spielfläche auf einem Podium sitzt das riesige Schlagwerk, rechts am Rand der Bühne sind zwei Harfen postiert. Dramaturgin Sophia Gustorff erläuterte das in der Nachbesprechung: der Orchestergraben ist für die riesige Besetzung einfach zu klein. So wurde als Lösung gewählt, Teile des Orchesters einfach in das Bühnenbild zu integrieren.

In der Probe war eigentlich der zweite Akt des Stücks dran, aber Stephan Zilias probte zu Beginn mit dem Chor und Michael Kupfer-Radecky (Lear) noch eine sehr komplexe Chorszene aus dem ersten Akt. Der Männerchor muss mit äußerster Präzision eine betrunkene Masse von Männern darstellen, deren Stimmen alle wild ineinandergreifen. Stephan Zilias achtete auf jede Nuance. Da zwei Beteiligte des ersten Aktes nicht mehr anwesend waren, markierte Michael Kupfer-Radecky seine Interaktionen mit ihnen nur. Das machte einen recht surrealen Eindruck. Der Text einer der fehlenden Personen wurde von der Seite dazu hereingesprochen. Danach wurde dann mit der Probe des zweiten Aktes begonnen. Es ist viel Trubel und Bewegung auf der Bühne! Alle hatten aber offenbar viel Spaß dabei. Die Beleuchtung wechselte zwischen kalten und warmen Farben hin und her.

In der Nachbesprechung mit Sophia Gustorff vertieften wir dann die Eindrücke. Die Kartons sind das einzige relevante Requisit auf der Bühne. Zu Beginn der Oper formen sie einen großen Würfel, diese Ordnung wird dann im Lauf der Oper immer mehr zerstört. So wie die Personen immer mehr außer sich geraten, so ist es auch mit dem Bühnenbild. Einige Kartons sind so verstärkt, dass die Personen auf der Bühne auf sie heraufklettern können. Bei den vielen Aktionen müssen bestimmt viele Kuben immer wieder ersetzt werden! Sophia Gustorff sagte, dass es auch eine Herausforderung war, dafür zu sorgen, dass kein Würfel in den Orchestergraben fällt!

Wir waren uns alle einig: „Lear“ ist ein Stück der Extreme. Die Musik ist eine Mischung aus nicht ganz strenger Zwölftonmusik mit „schattenhafter Tonalität“. „Die Musik ist so unbarmherzig wie das Stück“, dieser Satz fiel in der Nachbesprechung. Genau so ist es, gleichzeitig ist sie aber auch voller Emotionen. Bei aller Komplexität enthält die Musik viele Bezüge zwischen den Szenen. Jede Person hat ihren eigene musikalischen Charakter bekommen.

Das ist keine Oper für alle, das ist schon eine Herausforderung! Aber ich finde so etwas auch außerordentlich interessant. Sophia Gustorff schloss mit dem Hinweis, dass man sich am besten Plätze im Parkett aussuchen sollte. Da bekäme man den beeindruckendsten Eindruck von Musik und Bühnenbild. Ich bin gespannt! Die Premiere ist am 10. Februar.

 

Achim Riehn

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