Opernraritäten #8: Hans Gál „Das Lied der Nacht“ – klare Spätromantik ohne jede Schwüle

Mit der Oper „Das Lied der Nacht“ von Hans Gál ist ein sehr interessantes und theaterwirksames Stück zu entdecken. Eigenständige Musik der Spätromantik, ohne Übertreibung, ohne Schwüle, fast sachlich – unerklärlich, dass so etwas fast neunzig Jahre vergessen war.

Foto und Copyright: Johanna Paulmann-Heinke

In meiner Aufnahme aus dem Jahr 2018 spielt das Osnabrücker Symphonieorchester unter Leitung von Andreas Hotz, es singen hauptsächlich Solisten des Theaters Osnabrück. Erschienen ist die Aufnahme bei CPO.

Hans Gál (1890 – 1987) war ein österreichischer Komponist, der in seinen späteren Lebensjahren eher als Lehrer und Musikschriftsteller bekannt war. Von den Nationalsozialisten wurde er ins Exil nach Schottland getrieben, in Deutschland durfte seine Musik nicht mehr aufgeführt werden. Nach dem Krieg in der Zeit des dogmatischen Serialismus galt seine an der Tradition von Brahms und Strauß anknüpfende Musik als veraltet. Erst in den letzten Jahren hat eine Wiederentdeckung eingesetzt.

Die Uraufführung seiner Oper in drei Bildern „Das Lied der Nacht“ fand 1926 am Breslauer Stadttheater mit großem Erfolg statt. In den Dreißigern wurde die Oper wegen der jüdischen Herkunft des Komponisten mit Aufführungsverbot belegt. Die Oper wurde vergessen, erst 2017 brachte das innovativ-umtriebige Theater in Osnabrück das Stück wieder auf die Bühne, mit großem Erfolg. Zum Glück wurde dies als Weltersteinspielung auf CD dokumentiert.

Das Libretto von Karl Michael von Levetzow ist nicht weit weg von der Welt des „Tristan“ und erinnert textlich auch an das, was Hugo von Hofmannsthal zusammen mit Richard Strauss geschaffen hat. Eine poetische und romantische Welt des Siziliens des 12. Jahrhunderts wird vor uns ausgebreitet, in der sich Kulturelemente des Abend- und des Morgenlands mischen. Das poetische Libretto bietet dankbare Rollen. Es ist ein packendes Stück Theater, das tief in das Seelenleben der handelnden Personen eintaucht. Es geht um die Sehnsucht nach nicht von Konventionen eingeschränkten Gefühlen, die Sehnsucht nach der eigenen Verwirklichung in einer von Zwängen bestimmten Welt.

Die Hauptperson der Oper ist die Erbprinzessin Lianora. Ihr Vater ist tot, Sizilien ohne Führung, der Kanzler überfordert, ein Bürgerkrieg droht. Aus Staatsraison soll sie möglichst schnell eine Zweckehe eingehen. Von allen gewünschter Kandidat ist ihr Vetter Tancred, ein auf die Krone schielender Frauenheld. Er hat die Unterstützung des Kanzlers und der Hofdame Hämone. Lianora aber kann sich das nicht vorstellen. Sie sucht Rat bei der Äbtissin, ihrer Tante. Die rät ihr, Ihre Pflicht zu tun. Lianora soll aber auf das „Lied der Nacht“ in sich hören, um wirklich zu wissen, was sie will. Und da gibt es jemanden, den „namenlosen Sänger“, dessen Gesang sie nachts hört. Er ist es, den sie will. Niemand kennt seine Identität, ihr Bootsmann Ciullo scheint ihn zu kennen, verweigert aber eine Antwort. Als der namenlose Sänger sie vor dem zudringlichen Tancred beschützt, beschließt sie, ihn zum Mann zu nehmen. Am nächsten Morgen lässt Lionora ihn vor dem Volk als König verkünden und fordert ihn auf, seine Maske abzunehmen. Er tut es, vor ihr steht ihr Bootsmann Ciullo, ein Mann aus dem gemeinen Volk. Lianora fehlt die Kraft, sich zu ihm zu bekennen, der Bootsmann ersticht sich. Die Prinzessin entsagt der Krone und geht ins Kloster.

Hans Gál ist ein Komponist der Spätromantik, aber es fehlen bei ihm klangliche Übertreibungen. Seine Musik ist sehr eigenständig. Es gibt Leitmotive und es gibt das große, spätromantische Orchester, die Musik ist aber von Klarheit bestimmt. Es fehlt jede Schwüle, die Stilmittel der Wiener Moderne mischen sich unaufdringlich mit der romantisch geprägten Harmonik. Es gibt Dissonanzen, es gibt komplexe Rhythmen, aber nichts lenkt ab von den Singstimmen. Jede der Hauptrollen hat dabei ihre eigene Charakteristik. Die Musik ist ungeheuer farbig, es gibt große Melodiebögen, die Instrumentation ist delikat und phantasievoll. Rosenkavalier-Zartheit (aber ganz ohne wienerische Süßlichkeit) trifft auf vom Impressionismus inspirierte Klangfarben. „Das Lied der Nacht“ ist sinnliche Musik und ein packendes Stück Theater.

Die Aufnahme ist ein Vergnügen. Die Frauen spielen die Hauptrolle – Lina Liu (Lianora), Susann Vent-Wunderlich (Hämone) und Gritt Gnauck (Äbtissin) gelingen grandiose Rollenportraits.

Einige besonders schöne Nummern aus der Oper möchte ich gesondert herausheben.

Im ersten Bild ist das Gespräch Lianoras mit der Äbtissin „Sie selbst, die steinerne Äbtissin!“ besonders beeindruckend. Mit dem Auftreten der Äbtissin wandelt sich die Klangwelt – es wird ruhig, dunkel, majestätisch, fast unheimlich. Tiefe Bläser stimmen Choralklänge an, die mich entfernt an Richard Wagner, an die Gestalt der Erda erinnern. Diese dunkle Welt trifft auf die helle, jugendliche Welt der Lianora und mischt sich mit ihr. Im weiteren Verlauf dieses Dialogs kommt es dramatischen Aufschwüngen, aber auch zu aufblühenden Melodien. Die Äbtissin ist eine großartige Rolle für jede Mezzosopranistin.

Im zweiten Bild ist der Dialog „Noch immer ist die Prinzessin traurig?“ zwischen Hämone und Lianora ein Fest für zwei Sopranstimmen. Insbesondere Hämones Schilderung des namenlosen Sängers ist klangschön und sehr romantisch.

Ein Höhepunkt des zweiten Bilds ist die Begegnung aus der Ferne zwischen Lianora und dem namenlosen Sänger. Dies ist herrlichste impressionistische Musik, voll von tief empfundener Romantik. Es ist eine der poetischsten musikalischen Liebesszenen, die ich kenne. Die Musik entwickelt sich zu einem richtigen Duett, gewinnt immer mehr an Intensität, zwei Stimmen und zwei Melodien vereinen sich.

Im dritten Bild ist „Genug, Herr Tancred!“ sehr hörenswert. Vier unterschiedliche Musikwelten – Hämone, Kanzler, Tancred, Lianora – vereinen sich zu einem kunstvollen Quartett. Dies ist eine der Stellen der Oper, die mich an meisten an den „Rosenkavalier“ erinnert.

In der Schlusszene „Komm, Schwester Lianora!“ geleiten die Äbtissin und die Nonnen Lionora und den toten Sänger hinein ins Kloster. Es ist ein dunkles, fast dramatisches Finale, in dem die Klangwelt der Äbtissin die Oper beschließt. Immer lautere, dissonantere Akkorde erklingen, bis die Musik dann hinter den Klostertoren verdämmert. Jeder Ton in der Musik lässt die Tragik und das Verhängnis spüren, sehr bewegend!

Man muss dem Theater in Osnabrück dankbar sein, dass es diese Oper wiederentdeckt hat. Feinsinnige, spätromantische Musik ohne Übertreibung ist zu entdecken. Solche Musik gehört auf die Bühne!

Auf Youtube kann mit „Hans Gal Das Lied der Nacht“ der Trailer des Theaters Osnabrück zu ihrer Aufführung gefunden werden. Das sind leider nur knapp zwei Minuten, die aber einen sehr guten Eindruck von der Musik geben.

Achim Riehn

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