Opernraritäten #9: Othmar Schoeck „Penthesilea“ – eine Oper der düsteren Farben an der Grenze zur Moderne

Mit Othmar Schoecks „Penthesilea“ ist eine einaktige Oper voll dramatischer Wucht zu entdecken, in der sich düstere Spätromantik und die Moderne der Wozzeck-Welt treffen.

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In meiner Aufnahme von 1982, bei Orfeo erschienen, spielt das Symphonieorchester des ORF unter Gerd Albrecht. Die beiden Hauptrollen sind mit Helga Dernesch und Theo Adam exquisit besetzt.

Der Schweizer Komponist Othmar Schoeck (1886 – 1957) gilt als einer der bedeutendsten Liedkomponisten des 20. Jahrhunderts. Stilistisch wurzelt seine Musik in der Spätromantik, sie ist aber nicht überladen, sondern eher lyrisch, verinnerlicht und zurückhaltend. Schoeck hat mehrere klangschöne Opern geschrieben, die teilweise unter ihren schlechten Libretti leiden. „Penthesilea“ ist da eine Ausnahme, es verwendet ein Drama von Kleist als Libretto. Dessen archaisch gereimte Sprache macht eine Vertonung als Oper aber ebenfalls schwer, weil Archetypen einer Tragödie auf der Bühne stehen, keine Operncharaktere. Lyrisch ist der Text ebenfalls nicht. Schoeck meistert diese Hürde. Er kürzte den Text auf den Kern zusammen und komponierte eine achtzigminütige Oper, die sich voll der archaischen Wucht hingibt. Aus Lyrik wird Drama, Spätromantik begegnet der Welt des „Wozzeck“ und der freien Tonalität. Von fern erinnert mich das an die „Elektra“ von Strauss, das liegt aber vielleicht auch am griechisch-antiken Thema, an der Geschichte rund um Tod, Liebe und Wahnsinn.

Schoeck komponierte die Oper zwischen 1923 und 1925, die Uraufführung fand 1927 in Dresden statt. Schoeck überarbeitete die Oper dann und führte doch noch eine lyrische Nummer ein, ein Liebesduett zwischen den beiden Hauptpersonen.

Die Handlung der Oper ist ein Ausschnitt aus der Sagenwelt rund um den Trojanischen Krieg. Das Heer der Amazonen unter Penthesilea kämpft gegen die Griechen unter Achill. Penthesilea geht es nicht nur um den Kampf. Als Königin der Amazonen darf sie nur einen Mann heiraten, den sie im Kampf besiegt. Penthesilea aber unterliegt. Sie wird ohnmächtig und Achill verfällt ihr in Liebe. Als Penthesilea erwacht, wird ihr mitgeteilt, dass sie ihre Niederlage nur geträumt habe. Eine vorsichtige Annäherung findet statt. Achill verkündet einen weiteren Zweikampf, seine Absicht ist, sich besiegen zu lassen. Penthesilea missversteht dies aber. Ihre Liebe schlägt in Hass und Wahnsinn um, sie tötet den wehrlosen Achill und zerfleischt ihn. Als sie sich ihrer Tat und ihres Irrtums bewusst wird, begeht sie Selbstmord.

Aus dieser Tragödie mit ihren dramatisch-überhitzten Versen macht Othmar Schoeck eine außerordentliche Oper, erfüllt von einer dunklen und hochemotionalen Musik. Die Instrumentation ist sehr ungewöhnlich, es gibt viel Schlagwerk, zehn Klarinetten, Klavier, vier Soloviolinen, aber keine große Violingruppe. So wirkt auch die Musik herb, düster und fern von Liebeslyrik. Die Sängerinnen und Sänger müssen in diesem durchkomponierten Werk permanent zwischen Dialog und Gesang hin und her gleiten, das unterstützt den archaischen Eindruck. Man merkt aber, dass Schoeck ein meisterlicher Liedkomponist ist. Alles ist textverständlich, das Orchester ist bei aller Dramatik doch zurückhaltend, jede Nuance des Textes wird musikalisch ausgeleuchtet. Oft kommentiert das Orchester das Geschehen.

Die Oper ist kurz, ich würde sie wie in einem Rausch durchhören. Auf einige charakteristische Stellen möchte ich aber doch gesondert hinweisen.

Das Stück beginnt ohne Einleitung mit einer dramatischen, wilden, zerrissenen Kriegsszene („Was gilt‘s? Dort naht die Unheilkunde schon“). Die hochemotionale Musik wechselt dann bald in halbgesprochene Passagen, ins Melodrama – das ist ganz typisch für diese Oper. Die unmittelbar anschließende Szene „Hetzt alle Hund‘ auf ihn“ ist eine Art Dialogszene zwischen Penthesilea und den Amazonen Prothoe und Meroe. Gestaltet ist dies als Sprechgesang, mit großen Tonsprüngen. Blühende Melodiefragmente überlagern dies zunehmend. Die Personen werden emotional ergriffen, aus ihrem Gespräch herausgerissen.

> Auch später mischen sich immer mehr ganz lyrische Stellen in die dramatische Musik hinein. Im großen Liebesduett „Komm jetzt, du süßer Nereidensohn“ verlässt die Musik zeitweise das Reich des Dunklen, wird fast schwärmerisch. Hier ist der sensible Liedkomponist herauszuhören. Wenn sich endlich die Stimmen vereinen, dann öffnet sich zum ersten Mal der Himmel in der Musik und die Sonne leuchtet herein.
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> Besonders beeindruckend ist die Szene, in der sich Penthesilea zum erneuten Zweikampf mit Achill rüstet („Ein Herold naht dir, Königin!“). Die Musik ist hier von zunehmender Dramatik geprägt, wild zugespitzt. Es ist meisterlich herausgearbeitet, wie Penthesilea vom Wahnsinn erfasst wird. Es ist so, als ob der Wahnsinn Takt für Takt stärker die Musik durchdringt und vergiftet. Diese Stimmung wird die Musik bis zum Schluss der Oper prägen.

Genial komponiert ist auch der Trauerzug, in dem die wahnsinnige Penthesilea den Leichnam des Achill ins Lager der Amazonen begleitet („Seht! Seht ihr Frau‘n“). Ein düsterer Trauermarschrhythmus wird von hellen Klangfarben überzogen, die schwärmerisch klingen, fast liebestrunken. Tod und Liebe, dies lässt sich nicht mehr trennen. Kontrastiert wird dies von den Ausrufen des Entsetzens der Amazonen – eine mitreißende Szene.

Von dieser ab und zu auf den Spielplänen stehenden Oper würde ich mir mehr Inszenierungen wünschen. Es ist aufwühlende Musik an der Grenze zur Moderne.

Die Gesamtaufnahme der Oper kann in Youtube mit der Suche „Othmar Schoeck Penthesilea Albrecht“ gefunden werden.

Achim Riehn

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